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punktierte Linie

Häupl und die
Philosophie

Von Gerd Forcher | Warum sich Politikerinnen und Politiker mehr mit Philosophie beschäftigen sollten. Und nicht nur sie.

Nun hat sich der Wiener Bürgermeister Häupl doch noch vor seiner Wiederwahl für seinen 22-Stunden-Sager entschuldigt. Ich weiß nicht, wie bei Ihnen seine Aussage bezüglich der LehrerInnen-Arbeitszeit angekommen ist: „Wenn ich 22 Stunden die Woche arbeite, bin ich Dienstagmittag fertig und kann heimgehen.“ Vielleicht haben Sie gedacht: „Recht hat er!“ Vielleicht waren Sie ebenso wie ich empört über diese Stammtischparole. Vielleicht haben Sie es auch gar nicht großartig registriert, welche Welle Häupls Unsensibilität ausgelöst hat.

In der Politik wird ja oft ziemlich flapsig und unsensibel herum geredet. Und Häupls Entschuldigung war sicher mehr Kalkül als Einfühlungsvermögen. Möglicherweise kommen Sie jetzt auf den Gedanken: Ja, das passiert ja nicht nur in der Politik. Wie oft passiert eine unbedachte Bemerkung im Alltag? Wie leicht kommt man selbst in einer Diskussion in harte Gefechte? Oder noch weiter: Wie viele Verletzungen passieren in Freundschaften und Beziehungen, die weit mehr Folgen haben als ein Häupl-Spruch?

Ja, Sie haben Recht. Die kleinen Unachtsamkeiten im Alltag bringen oft mehr Unversöhnliches und Verletzungen, als man glauben möchte. Erinnern Sie sich, wann Sie sich das letzte Mal unverstanden gefühlt haben? Oder wann Sie selbst Ihre Überzeugungen jemand anderem überstülpen wollten – gegen alle Widerstände des Gegenübers? Dabei muss es gar nicht Ihre „böse Absicht“ gewesen sein – nein, es kann sein dass Sie sogar ganz hehre Ideale damit verbunden haben: Sie wollten einen guten Ratschlag weitergeben, der abgelehnt wurde. Vielleicht wollten Sie jemandem sagen: „Ja, auch mir ist es einmal so gegangen. Aber ich habe dann halt …“ Und die andere hört Ihnen nicht einmal zu. Das hat dann auch Sie verletzt (vermutlich).

Was hat das jetzt wieder alles mit Philosophie zu tun? Nun, Häupl könnte man den alten Spruch aus dem Lateinbuch in Erinnerung rufen: „Si tacuisses, philosophus mansisses.“ – Hättest du geschwiegen, wärst du ein Philosoph geblieben. Für den geschilderten Alltag von uns allen könnte aber auch ein Begriff der griechischen Skeptiker hilfreich sein: Epoché (Betonung auf dem zweiten E). Damit ist nicht das gemeint, was wir heute unter Zeitspanne oder geschichtlicher Epoche verstehen. Nein, der Begriff bedeutet im Griechischen ursprünglich „Zurückhaltung“, „Anhalten“. Die Skeptiker meinten damit: Wenn ich etwas nicht sicher weiß, sollte ich mich mit meinen Urteilen und Meinungen zurückhalten.

Die Stoiker machten daraus das ethische Gebot, dass man sich jeder Aussage über Ungewisses enthalten sollte. Erst im 20. Jahrhundert hat der Philosoph Edmund Husserl den Begriff Epoché wieder aufgenommen, um eine Methode zu

Lebenswert

beschreiben, wie ich Gegenstände in ihrer Erscheinung (als „Phänomen“) erkennen kann. Dabei muss ich zunächst von all meinen Meinungen und Vorurteilen absehen.

Wenn ich nun diese philosophische Zurückhaltung nicht nur auf Gegenstände beziehe, sondern einmal weiter ausdehne auf menschliche Beziehungen, wird Epoché zu einem herausfordernden Begriff. Wenn ich mit jemandem wirklich diskutieren will oder wenn ich jemandem wirklich Hilfe anbieten möchte, muss ich zuerst meine eigenen Theorien, Gedanken und Vorurteile zurückhalten, um der anderen die Möglichkeit zu geben, sich in ihrem Sinne zu äußern. Was nützt ein Hilfsangebot, wenn das Gegenüber im Moment ganz etwas anderes braucht (z.B. jemanden, der einfach zuhört)? Wie kann eine Diskussion konstruktiv sein, wenn ich die Antwort auf die GesprächspartnerInnen schon im Kopf habe, bevor die anderen fertig gesprochen haben?

Carl Rogers, Begründer der Klientenzentrierten Gesprächstherapie, hat einmal zu einem Selbstexperiment aufgefordert (das Sie übrigens auch gleich versuchen können, sobald Sie diese denk.pause gelesen haben): „Wir können nämlich unmöglich die innere Welt des anderen genau wahrnehmen, wenn wir uns eine wertende Meinung von ihm gebildet haben. Wenn Sie dies bezweifeln, suchen Sie sich jemanden, mit dem Sie in entscheidenden Fragen nicht übereinstimmen und der Ihrer Meinung nach falsch liegt. Versuchen Sie nun seine Ansichten, Annahmen und Gefühle so genau zu formulieren, dass er sie als eine einigermaßen zutreffende Beschreibung seines Standpunktes akzeptieren kann. Sie werden, das prophezeie ich Ihnen, in neun von zehn Fällen scheitern, weil Ihr Urteil über seine Auffassungen in die Beschreibung, die Sie davon geben, einfließen wird.“

Husserls wiederentdeckte Epoché ist das, was Rogers in den drei Grundhaltungen seines Therapieansatzes auf menschliche Beziehungen anwendet: Empathie, Echtheit und Akzeptanz. Wenn ich meine Ansichten zurückhalten kann, dann kann ich mich in den anderen einfühlen, zu verstehen versuchen, was das Gegenüber eigentlich meint. Ich kann das nur tun, wenn ich mich selbst kenne und versuche, „echt“ zu sein. Die alten PhilosophInnen hatten dafür den Spruch aus Delphi: „Erkenne dich selbst!“ Und wenn ich mich selbst kenne und meine eigenen Urteile zurückhalten kann, dann kann ich nicht nur mich selbst, sondern auch andere Menschen und deren Leben akzeptieren.

Deshalb sollten Häupl und andere Menschen in verantwortlichen Positionen öfter einmal zur Philosophie greifen, bevor sie reden. Vielleicht begleitet aber auch uns die Epoché in unsere nächste Begegnung mit anderen Menschen, um einander „echt“ zu begegnen.