Lesedauer   Lesedauer – für diesen Text benötigt ein durchschnittlicher Leser 3:25 Minuten  (Erklärung hier)

punktierte Linie

Das Leben
vor dem Tod

Von Gerd Forcher | Ostern und die Philosophie sind zwei Paar Schuhe. Aber der „élan vital“ hat eine philosophische und eine religiöse Dimension.

Haben Sie Ostern schön gefeiert? Alle Nester gefunden? Aus philosophischer Sicht ist Ostern ja kein wirkliches Thema. Der religiöse Ursprung von Ostern ist genauso wie seine christlichen Inhalte eher ein Bereich von Theologie und Religionswissenschaft. Auch die sich darum herum rankenden Frühjahrsbräuche sind in der Philosophiegeschichte nicht wirklich beheimatet. Das wird Sie allerdings nicht wundern. Vielleicht fragen Sie sich eher, warum das hier überhaupt erwähnt wird, denn ist klar: Philosophie und Ostern sind zwei Paar Schuhe. Da kann es höchstens zu einer Auseinandersetzung zwischen Philosophie und Glaube kommen und vielleicht noch zur Erwähnung der unglückseligen Formel der abendländischen Kulturgeschichte „philosophia ancilla theologiae“ („Die Philosophie ist Magd der Theologie“).

Mir kommt dann aber doch noch etwas wie „philosophische Ostern“ in den Sinn. Zumindest assoziativ geht es zu Ostern um Leben und wiedergewonnenes Leben durch den Glauben an die Auferstehung. Die Verortung in den Frühling, der auch für das Wiedererwachen der Natur steht, unterstreicht das Lebens-Thema. Was läge dann den Philosophierenden näher, als einmal die Lebensphilosophie des 19. Und 20. Jahrhunderts anzuschauen? Henri Bergson, ein bei uns vielleicht wenig bekannter französischer Philosoph, gilt als Begründer eben dieser Lebensphilosophie.

Vor Bergson gab es freilich schon die „ars vivendi“, die Lebenskunst, als Teil der Philosophie. Bergson beginnt seinen Ansatz der Lebensphilosophie jedoch als Gegensatz zur positivistisch naturwissenschaftlichen Denkart, in der nur noch gemessen und intersubjektiv nachweisbar gearbeitet wird. Es zählt nur, was zählbar ist! Bergson sieht darin eine Reduktion unserer Wirklichkeit auf rein intellektuelle Momente. Wo bleiben Intuition, Lebendigkeit, Erleben des Lebens?

Wenn ich zum Beispiel der Evolutionstheorie folge und darin nur „Zufallsprodukte“ sehe, dann geht das Leben als dauerhaft schöpferischer Prozess verloren. Und das ist für Bergson wesentlich: Der schöpferische Prozess des Lebens, den er „élan vital“ nennt, zeigt sich intuitiv und macht Lebensqualität aus. Der Terminus ist gar nicht einfach zu übersetzen, denn er bedeutet „Lebensimpuls“, „Lebensschwung“, „lebendige Energie“ und ähnliches mehr. Dieser „Lebenselan“ entfaltet und differenziert sich in immer neuen Formen. Übrigens ähnelt der „élan vital“ ziemlich dem Seelenbegriff des Aristoteles. Denn auch der Lebensimpuls äußert sich wie die Seele in den drei Lebensformen der Pflanzen, der Tiere und des Menschen. Und wie die Seele bei Aristoteles ist der „élan vital“ das, was erst lebendig macht, sozusagen der „Lebens(an)trieb“.

Der Verstand (Intellekt) allein kann die

Lebenswert

Lebendigkeit nicht erfassen. Es braucht dazu noch die Intuition, die die materialistische Sicht aufbricht und nach der Qualität des Lebens sucht. Leben ist für Bergson nicht nur ein biologischer Vorgang, sondern ein Er-Leben. Das zeigt Bergson unter anderem dadurch, dass wir die Zeit als Dauer erleben. Naturwissenschaftlich können wir Zeit messen und stellen sie räumlich dar. Unser Leben aber empfindet Zeit als Dauer, d.h. sie spiegelt das innere Erleben wider, das immer neue Qualitäten aufweist. Gehe ich etwa immer wieder meinen gewohnten Spazierweg, so werde ich jedes Mal andere Eindrücke mitnehmen und immer wieder Neues erleben. Die Zeit zwischen den Spaziergängen ist also nicht nur eine gemessene Zeit, sondern hat auch einen qualitativen Sprung gemacht.

Kein Wunder, wenn Bergson diese Sicht des „er-lebten“ Lebens auch auf gesellschaftliche Ereignisse ausweitet: In seiner Schrift „Die beiden Quellen der Moral und der Religion“ unterscheidet er eine offene und eine geschlossene Form der Gesellschaft. Die geschlossene Gesellschaft legt dem Individuum eine unpersönliche, systemerhaltende Moral auf, die von oben verordnet wird. Die offene Gesellschaft vermittelt eine Moral, beruhend auf Freiheit, Liebe und gelebtem Vorbild — hier kann der Lebensschwung wirksam werden!
Ebenso in der Religion: Der Lebenselan wirkt nicht in der statischen Religion, die institutionell vermittelt kirchliche und gesellschaftliche Zustände aufrecht erhält. Die dynamische Religion hingegen findet Bergson in der Mystik, in der unvermittelt das Einswerden mit dem Schöpfer erlebt wird. Wohlgemerkt: Die Schrift, in der diese Gedanken zu finden sind, stammt aus dem Jahre 1933, ein Jahr, in dem in Europa ganz andere Mächte am Wirken waren.

1924 erhielt Bergson den Literaturnobelpreis, 1941 starb er, gerade als der Zweite Weltkrieg voll im Gange war. Seine Ideen und philosophischen Zugänge haben diese Zeiten überdauert. Seine Lebensphilosophie hatte nicht nur Einfluss auf spätere philosophische Strömungen wie den Existenzialismus. Die ökologische Bewegung der 1980er Jahre findet bei ihm ebenso Anhaltspunkte wie der Ursprung der heutigen UNO. Bergsons Intervention bei US-Präsident Wilson hatte für eine Wende im Ersten Weltkrieg gesorgt, die zur Gründung des Völkerbundes und damit zu dessen Nachfolgeinstitution der UNO führte. Warum? Weil Bergson in der Welt und der Wirklichkeit mehr sah als nur Zahlen, Fakten und Abstraktion. Intuition und Lebensimpuls waren für ihn das Mehr an Leben.

Wenn Ostern auch ein religiös motiviertes Fest ist, so kann es dennoch PhilosophInnen anregen, über das Leben nachzudenken: Habe ich heute schon gelebt? Gibt es ein Leben vor dem Tod? Und: Wo finde ich meinen persönlichen élan vital?