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punktierte Linie

Rasur auf
Philosophisch

Von Gerd Forcher | Befreien Sie sich radikal von allem Überflüssigen und bedenken Sie immer: Manchmal ist eine Zigarre wirklich nur eine Zigarre.

Kennen Sie Ockhams Rasiermesser? Nein, Ockham hat es nicht verloren und ist jetzt auf der Suche nach ihm. Und es ist auch kein museales Ausstellungsstück, das in irgendeinem Philosophiemuseum zu besichtigen ist. „Ockhams Rasiermesser“ ist ein erkenntnistheoretisches Prinzip, das besagt: „Wenn du verschiedene Theorien und Hypothesen zu einem Sachverhalt hast, dann wähle die einfachste aus und schneide die anderen wie mit einem Rasiermesser ab und vergiss sie.“ Kurz: Die einfachste Erklärung ist die beste. Also sollten Sie demnächst Ihren Wohnungsschlüssel nicht finden, beginnen Sie nicht Kobolde dafür verantwortlich zu machen, die Ihren Schlüssel zur Herstellung des Steins der Weisen verwenden wollen. Beginnen Sie eher mit der Variante, dass Sie ihn verlegt haben. Und dann schauen Sie, an welchem Ort: Bahamas oder Jackentasche?

Wilhelm von Ockham, dem dieses Prinzip zugeschrieben wird, hat es übrigens selbst nie so formuliert und die Metapher eines Rasiermessers mit Bezug auf Wilhelm von Ockham wurde erst im 18./19. Jahrhundert eingeführt. Ockham selbst war Franziskaner und lebte im 13./14. Jahrhundert. Ihm war es wichtig, dass neue Erkenntnisse nicht auf komplizierten Theorien oder Modellen beruhen. Ockham wollte also nicht behaupten, dass die Welt einfach gestrickt sei. Er war aber methodisch darauf bedacht, dass beim Formulieren von Aussagen nicht mehr Annahmen als benötigt eingeführt werden. Das Sparsamkeitsprinzip (so wird Ockhams Rasiermesser auch genannt) sagt nicht, dass die Welt sparsam aufgebaut ist, sondern dass wissenschaftliche Beschreibungen von Phänomenen sparsam sein sollen.

Fein, werden Sie sagen, das kann ja für WissenschaftlerInnen interessant sein. Kann ich damit auch in meinem Alltag etwas anfangen? Außer als Hilfe bei der Schlüsselsuche?

Nun, mir fallen da ein paar Situationen ein, in denen das Sparsamkeitsprinzip auch im täglichen Leben seinen Platz hat. Überlegen Sie sich einmal, wie es wäre, wenn die Werbung, die täglich auf uns einprasselt, auf ihre Kernaussage zurück „rasiert“ würde. Ich stelle mir vor, Reklamewände und Werbeeinschaltungen in den Medien gingen gegen Null. Marketing und Werbestrategien sind ja darauf aufgebaut, mehr zu vermitteln, als tatsächlich da ist. Zu viele Deutungen, können manch schlichte Wahrheit verdecken, und man sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr. Dazu passt vielleicht noch ein Witz, der zwar keiner von den fünf

Lebenswert

philosophischen ist (siehe denk.pause 19), aber dennoch zu Ockham passt: Der fünfjährige Sohn fragt nach dem Abendessen seinen Papa: „Wo ist Mama denn heute Abend?“ Der Vater erklärt: Mama ist auf einer Tupperparty.“ – „Was ist eine Tupperparty?“, will der Knirps wissen. Der Vater versucht – ganz nach Ockham – eine einfache Erklärung zu formulieren: „Auf einer Tupperparty sitzen ein paar Frauen zusammen und verkaufen sich gegenseitig Plastikschüsseln.“ – Der Sohnemann bricht in lautes Lachen aus und meint: „Komm schon, Papa! Was ist es wirklich?“

Oder Kommentare in Radio, Fernsehen und Zeitungen zu aktuellen Themen. Überprüfen Sie einmal für sich selbst, wie viel davon tatsächlich „einfache“ Beschreibungen der behandelten Situationen sind. Die ganzen Diskussionsrunden mit ExpertInnen und Interviews mit denen, die sich auskennen, sind voll von nicht benötigten Erkenntnissen.

Und betrachten Sie einmal die letzten Gerüchte aus der Nachbarschaft: Da hat doch der eine von jener im Supermarkt dies und jenes über den da gehört, der ja sowieso schon das und das getan hat, was man ja wieder von jenen gehört hat, die es im Gasthaus von diesen gehört haben … Auf den Alltag herunter gebrochen sagt Ockham vielleicht: Schneiden Sie mit dem Rasiermesser die Gerüchteküche ab und bleiben sie „erkenntnistheoretisch“ bei dem, was am einfachsten ist: Machen Sie sich selbst ein Bild von der Situation (sofern es Sie überhaupt interessiert). Das gilt nicht nur für Nachbarschaftsgerüchte: Gerüchte gibt es am Arbeitsplatz, im Verein und allüberall. Wenn das Kind in eingeschult wird: „Da habe ich von der Lehrerin gehört, die soll ja ganz arg sein. Nein, wenn müsst ihr schauen, zu der anderen zu kommen.“ Wie viele gut gemeinte Empfehlungen klingen wie Gerüchte und damit wie nicht notwendige Beschreibungen, die einfach zum Wegrasieren sind?

Selbst manche Verschwörungstheorien und Vermutungen, was hinter dieser oder jener Aussage noch gemeint sein könnte: wegrasieren! Sie werden vielleicht sogar ein wenig gelassener werden und sich persönlich über weniger aufregen, wenn Sie Ockhams Rasiermesser im Alltag anwenden. Für das tägliche Leben kann das Sparsamkeitsprinzip nämlich übersetzt werden mit: Weniger ist mehr. Und selbst Sigmund Freud, Vater der Psychoanalyse, sagte in späten Jahren in Bezug auf die Traumdeutung: „Selbst eine Zigarre ist manchmal nur eine Zigarre.“