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Einfach aufstehen und losgehen

Von Gerd Forcher | Wenn wir unsere Träume nicht einmal träumen, geschweige denn ausleben, versinken wir in einem ungelebten Leben.

Kennen Sie „Nachtzug nach Lissabon“? Der Schweizer Pascal Mercier hat diesen Roman geschrieben, der vor ein paar Jahren auch verfilmt worden ist. Darin wird ein Berner Gymnasiallehrer beschrieben, der eigentlich ein recht alltägliches, tristes und langweiliges Leben führt, bis er eines Tages eine junge Portugiesin vor dem vermeintlichen Sprung ins Wasser rettet und in der Folge ein portugiesisches Buch in einem Antiquariat in die Hände bekommt. Er findet in diesem Buch die Geschichte eines portugiesischen Arztes und Philosophen aus der Zeit der Salazar-Diktatur. Die Biografie des Mannes fasziniert Gregorius, so der Name des Gymnasialprofessors, dermaßen, dass er in diese Zeit zurückversetzt werden möchte, um „noch einmal an jenem Punkt meines Lebens zu stehen und eine ganz andere Richtung einschlagen zu können als diejenige, die aus mir den gemacht hat, der ich nun bin“.

Mich hat die Szene beeindruckt, in der Gregorius im Unterricht an der Schule ist — also dort, wo er seinen Alltag fristet — und von der Lebensgeschichte aus dem Buch so ergriffen ist, dass er etwas tut, was er sonst nie tut: „Ein letztes Mal ließ er den Blick über die Köpfe der Schüler hinweggleiten. Dann erhob er sich langsam, ging zur Tür, wo er den feuchten Mantel vom Haken nahm, und verschwand, ohne sich noch einmal umzudrehen, aus dem Zimmer.“ Gregorius hat seinen grauen Alltag durchbrochen, um das zu tun, zu dem es ihn im Leben hinzieht: Er bereitet sich in der Folge kurz auf Portugal vor und fährt mit dem Nachtzug nach Lissabon, um dort die Spuren des Philosophen und Arztes aufzunehmen und einer Sehnsucht seines Lebens nachzugehen. Der Professor zitiert dazu in seinem Brief an den Schulleiter den Philosophenkaiser Mark Aurel: „Ein Leben, nur ein einziges, hat jeder. Es ist aber für dich fast abgelaufen, und du hast in ihm keine Rücksicht auf dich selbst genommen, sondern hast getan, als ginge es bei deinem Glück um die anderen Seelen … Diejenigen aber, die die Regungen der eigenen Seele nicht aufmerksam verfolgen, sind zwangsläufig unglücklich.“

Hinter dem Autor des Romans mit dem Pseudonym Pascal Mercier steckt der in Berlin lebende Philosoph Peter Bieri. Er ist bekannt für seine Arbeiten rund um den Freiheitsbegriff. Und auch die Geschichte um den Lehrer Gregorius, der einfach in Unterricht aufsteht und sich entschließt, nach Lissabon zu reisen, zeigt auf, dass wir oftmals freier handeln könnten, als uns

Lebenswert

bewusst ist. Ich habe mir beim Lesen des Romans an dieser Stelle viele Male gedacht: Ja, warum nicht im Alltag aufstehen und einer eigenen Sehnsucht nachgehen? Was hindert mich daran? Es geht ja nicht gleich um eine Reise nach Lissabon oder um die große Weltveränderung. Manchmal täte allein ein Rundgang um den Häuserblock gut oder am Abend eine Stunde bei feiner Musik ein Buch lesen, das seit Jahren ungelesen im Bücherregal steht. Keine Großartigkeiten — aber ich tu es nicht und bleibe bei der Sehnsucht hängen. Kennen auch Sie solche Momente?

Gregorius hat es geschafft, dass ich nun zumindest das eine oder andere Mal aus meinem Alltagsmuster ausbreche und etwas mache, das ich sonst nie mache. Das obige Zitat Mark Aurels gibt mir auch einen guten Grund dazu: Ich habe nur dieses Leben. Und das möchte gelebt werden. Wenn und solange ich mich nur als „gelebt“ erlebe, habe ich nicht die Kraft, eigenständig zu handeln: Ich habe heute einfach keine Zeit — der Job, die Familie, der Verein — sie alle lassen mich nicht ruhen. Eine Erfahrung, die viele in die Erschöpfung und Resignation führen.

Gregorius ist eigentlich auch so ein Typ, zwar nicht Burnout-gefährdet, aber irgendwie resigniert vor dem Leben. Grauer Alltag und „semper idem“, immer das Gleiche, prägen sein Dasein. Und wie bei ihm braucht es vielleicht auch bei uns manchmal den gewissen Kick, um der eigenen Sehnsucht im Leben gewahr zu werden, zu merken: Da ist noch mehr. Aus dem portugiesischen Buch wird im „Nachtzug nach Lissabon“ zitiert: „Wenn es so ist, dass wir nur einen kleinen Teil von dem leben können, was in uns ist — was geschieht mit dem Rest?“

Ja, vieles wird wohl nur Traum bleiben, aber es ist schade, wenn selbst diese Träume oft nicht einmal geträumt werden. Und wenn wir uns nicht manchmal wie Gregorius zumindest langsam erheben und etwas versuchen, das uns aus der Eintönigkeit heraus nimmt. Wie geschrieben: Es muss nichts Sensationelles sein. Und es muss ja nicht nach dem vielzitierten Bonmot „Ich geh nur kurz mal Zigaretten holen“ ablaufen. Einmal einen anderen Weg zur Arbeit gehen oder fahren, einmal eine andere Tasse für den Kaffee verwenden … Sie werden staunen, wie ein solches Herausrücken aus dem Alltag auf Dauer ihr Leben lebenswerter machen kann. Und das Staunen darüber ist ja dann wieder der Anfang allen Philosophierens.