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Das Leiden anderer in den Medien

Von Gerd Forcher | Kürzlich musste ich einen Philosophieabend absagen, weil es keine Anmeldungen gab. Die Gründe, warum der Abend nicht zu Stande kam? Ich kann es nicht genau sagen. Was ich allerdings durch Reaktionen auf die Absage rückgemeldet bekam, brachte mich zum Nachdenken — was für einen Philosophen ja nicht das Schlechteste sein soll. Und ich warne auch Sie: Die nachfolgenden Gedanken sind vielleicht nicht ganz einfach verdaulich, weil sie vom Leiden handeln.

Der Abend wäre als Gespräch über einen lesenswerten Text von Susan Sontag aus ihrem Buch „Das Leiden anderer betrachten“ (mehr Infos dazu hier) angelegt. Potenzielle Teilnehmende des Philosophieabends fühlten sich davon offenbar bedrückt. Jemand schrieb mir, dass ihm das Leid anderer Menschen momentan zu nahe ginge und es etwas Positives brauche, um Leiden zu bewältigen. Eine andere Anmerkung zum Text war die Eindrücklichkeit eigener Erfahrungen und die Überlegung, wie sinnig oder unsinnig diese Welt ist. Ist sie vielleicht als „Unfall“ zu sehen angesichts des Leidens, das es in ihr gibt?

Wie gesagt: Diese Zeilen haben mich nachdenklich gestimmt. Susan Sontag, deren Text Anlass für diese gewisse Schwere im Denken war, war selbst auch, aber nicht in erster Linie Philosophin, sondern Schriftstellerin, Journalistin und Regisseurin. Sie befasst sich intensiv mit Medien, Kunst, Fotografie, Literatur und Film, um hintergründig deren Hermeneutik und Wirkung auf uns Menschen zu beschreiben. So ist auch der besagte Text zu verstehen, der das Leiden anderer zum Thema hat. Dieses Leiden wird uns medial durch Fernsehen und Fotografie vermittelt. Und diese Vermittlung für „Nachrichtenkonsumenten“ ist nicht nur bereits eine Deutung des Leidens, sondern wird seit jeher manipulativ ge- oder auch missbraucht: durch eine dramatische Inszenierung, durch Zensur, die ein Demoralisieren der jeweils eigenen Leute verhindern soll usw.
Sontag ist 2004 gestorben.

Wenn wir heute den Fernseher aufdrehen, dann hat sich an ihrer damaligen Wahrnehmung nichts geändert. Sowohl im Kampf gegen den Terror als auch in dem neu aufflackernden Konflikt zwischen Ost und West werden Bilder des Leidens verwendet, wie sie gerade gebraucht werden. IS-Täter wissen, wie es wirkt, wenn sie westliche Menschen vor laufender Kamera schlachten. Wir „Westler“ ertragen diese Konkretheit gefühlsmäßig viel schlechter, als wenn im Irak durch eine Autobombe Dutzende Menschen ums Leben kommen. Und weinende Frauen aus der Ostukraine erfahren durch uns mehr Mitleid als Bilder von toten pro-russischen Separatisten.

Philosophisch betrachtet finde ich in diesem manipulativen Umgang mit Leiden nicht nur einen Beleg dafür, wie konstruiert Wirklichkeit ist. Ich erinnere mich auch an eine Maxime Immanuel Kants, dass der Mensch niemals Mittel

Lebenswert

zum Zweck sein dürfe, sondern selbst immer nur Zweck ist. Das Leiden von Menschen zur Schau zu stellen oder Leiden für eigene Zwecke zu vertuschen, widerspricht einem menschenwürdigen Umgang mit Leid, das anderen Menschen zugefügt wird. Der Mensch wird als Mittel und Marionette missbraucht — zusätzlich zum erfahrenen Leiden.

Ist die Welt also ein Unfall, wie es jemand als Reaktion auf Susan Sontags Text formulierte? Nicht aus meiner Sicht: Nicht die Welt ist ein Unfall (wie es, übrigens auch wieder philosophisch betrachtet, viele dualistischen Weltbilder vermitteln), sondern der Mensch wird nach seiner Verantwortung anderen Menschen gegenüber gefragt. Ist es tatsächlich so, wie es Thomas Hobbes allgemein in dem Satz „homo hominis lupus“ („Der Mensch ist des Menschen Wolf“) formuliert hat? „Fressen“ wir uns gegenseitig auf und damit hat sich’s? Diese Verallgemeinerung teile ich nicht. Aber dort, wo Menschen Leid erfahren, dort finden sich rasch mediale Deuter dieses Leidens — und selten stehen sie im Dienste des leidenden Menschen, sondern fast immer im Dienste eines Kalküls, das irgendwelche anderen Interessen vertritt.

Mein Menschenbild ist das vom „animal rationale“: Der Mensch ist ein Gesellschaftswesen, das in Beziehung lebt und — wie es Martin Buber sinngemäß beschreibt — das auf ein Du ausgerichtet ist, um von einem Wir sprechen zu können. Diese Grundeigenschaft des Menschen (ExistenzphilosophInnen würden wohl von einem „Existenzial“ sprechen) fordert die Frage nach Verantwortung füreinander und danach, wie ich das Leiden anderer darstelle und betrachte, heraus.

Das Leiden anderer zu betrachten, löst in uns ambivalente Gefühle aus: von Faszination über Entsetzen bis hin zu Betroffenheit und weiter bis zur indifferenten Kenntnisnahme. Je näher uns die betroffenen Personen sind, umso größer das Entsetzen. Je weiter weg und je massenreicher, umso weniger sind wir berührt vom Leiden. Und die Medien werden gekonnt dafür eingesetzt. Vielleicht können Sie das bestätigen, wenn Sie die nächste Nachrichtensendung im Fernsehen bewusst auf ihre Film- und Bildauswahl hin betrachten. Oder wenn Sie morgen Ihre Zeitung aufschlagen. Oder wenn Sie online Nachrichten oder Berichte anschauen. Oder…