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Humor ist, wenn Philosophen lachen

Von Gerd Forcher | Obwohl Humor ein Lebenselixier ist, war das Lachen immer ein Stiefkind der Philosophie. Höchste Zeit, das zu ändern!

Der unsinnige Donnerstag naht, Rosenmontag und Faschingsdienstag als Höhepunkte der Faschingszeit stehen unmittelbar vor der Tür. Da sollte es auch möglich sein, ein paar philosophische Worte über den Humor fallen zu lassen. Doch hier stoße ich auf eine ungeahnte Schwierigkeit. Die Philosophie hatte es durch die Jahrhunderte kaum mit dem Humor, selbst wenn bereits Aristoteles vermutete, dass der Mensch das einzige Wesen sei, das lachen könne. Also wäre der Humor ein Wesensmerkmal des Menschen. Doch ganz im Gegenteil: In Platons Akademie gab es sogar Lachverbote. Und durch die Jahrhunderte herauf wurden Humor und Lachen wenn nicht als Teufelswerkzeug verachtet, so doch zumindest gekonnt ignoriert. Der Humor hat es nie zu einer Kardinaltugend geschafft, nein, es wurde sogar „wissenschaftlich“ diskutiert, ob Jesus jemals gelacht haben mag.

Wahrscheinlich wundern Sie sich jetzt gar nicht über diese Erkenntnis: Philosophie ist doch für ihre Ernsthaftigkeit und Trockenheit bekannt – aber Humor? Selbst heute scheinen Humor und Lachen Randphänomene der Philosophie zu sein. Es gibt nicht einmal herzzerreißende Philosophiewitze – und wenn, dann braucht es schon ein wenig Hintergrundwissen, um sie zu verstehen. Einer dieser seltenen Witze erzählt von Jean-Paul Sartre, der in einem französischen Café sitzt und seinen Entwurf von „Das Sein und das Nichts“ korrigiert. Er sagt zur Kellnerin: „Ich möchte eine Schale Kaffee, aber bitte ohne Sahne.“ Die Kellnerin antwortet, „Monsieur, es tut mir sehr leid, aber wir haben keine Sahne mehr. Wie wäre es mit einem Kaffee ohne Milch?“

Von der politischen Satire bis hin zum einfachen Witz: Humor wird mehr und mehr als Lebenselixier entdeckt, auch wenn Lachen bis zum heutigen Tag im öffentlichen Raum zumindest ein irritierendes Moment darstellt. Gaukler und Schausteller wussten um diese heilsame Wirkung schon immer. Also auch wenn die Philosophie eher zurückhaltend ist, sie war zumindest selbst immer wieder Thema in humorvollen Darstellungen: In der Antike schrieb der Komödiendichter Aristophanes das Stück „Die Wolken“, in dem Sokrates als Spottfigur zur Unterhaltung des Publikums dient. Und selbst im 18. Jahrhundert schreibt Georg Philipp Telemann eine komische Oper mit dem Titel „Der geduldige Sokrates“, in der Sokrates zwei Ehefrauen hat, die ihm das Leben nicht ganz einfach machen, doch er zeigt eben — Geduld!

Lebenswert

Nun, „Humor ist, wenn man trotzdem lacht!“ meinte schon im 19. Jahrhundert der Schriftsteller Otto Julius Bierbaum. Dabei ist es beinahe paradox, dass umgekehrt viele Kabarettistinnen und Kabarettisten und humorvolle Autorinnen und Autoren gerade durch ihre zum Lachen anregenden Texte und Bonmots mehr Philosophie unter der Menschheit verbreitet haben als Philosophinnen und Philosophen selbst. Denken Sie an einen Karl Valentin, allein den genialen Satz: „Heute besuch‘ ich mich – hoffentlich bin ich zuhause!“, oder an die unzähligen humorvollen Gedichte eines Eugen Roth. Oder erinnern Sie sich an Monty Python, wenn sie über den „Sinn des Lebens“ filmisch nachdenken?

Obwohl Humor so viel Weisheit erahnen lässt, ist er bis heute ein philosophisches Stiefkind. Charles Dickens hat es so ausgedrückt: „Der Humor nimmt die Welt hin, wie sie ist, sucht sie nicht zu verbessern und zu belehren, sondern mit Weisheit zu ertragen.“ Humor, einst als Untugend verschrien, ist Ausdruck von Gelassenheit und lässt viele Situationen erträglicher machen, ja, Humor kann überlebenswichtig werden. Nach den Anschlägen in Paris ist uns das vielleicht sogar ein wenig bewusster geworden.

Lachyoga und Clown-Seminare haben Hochkonjunktur, weil sie den Menschen einen positiven Umgang mit schwierigen Situationen ermöglichen. Es ist sicher kein Zufall, dass der Fasching genau in die dunkelste und kälteste Zeit des Jahres fällt: Lachen und Humor helfen über dunkle, kalte Situationen hinweg. Und die Hofnarren des Mittelalters hatten mit ihrem Privileg, dem Herrscher auf witzige Weise die Wahrheit ins Gesicht zu sagen, eine zutiefst philosophische Aufgabe. Von daher könnte zumindest die Philosophie des 21. Jahrhunderts den Humor zur Tugend erklären, zu einer wünschenswerten Haltung, die ihren eigenen Wert hat. Und wie wären heute Ruhe und Gelassenheit möglich, ohne ein Quäntchen Humor?

Am Thema Humor und Philosophie zeigt sich zweierlei: Philosophie passiert tatsächlich auch außerhalb der „wahren“ Philosophie. Und Philosophinnen und Philosophen könnten selbst auch ab und zu mehr Humor und damit Selbstironie vertragen.

Also: Auf einen humorvollen Faschingsausklang und darüber hinaus!