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Staunen will
gelernt sein

Von Gerd Forcher | Üben Sie sich im Staunen — und Sie werden staunen, was dabei herauskommt.

Haben Sie heute schon gestaunt? Vielleicht erstaunt Sie die Frage. Jedoch — so meinen es zumindest Plato, Aristoteles und noch etliche andere Denkerinnen und Denker — ist das Staunen Ursprung der Philosophie. Plato beschreibt es in seinem Dialog Theaitetos so: „Das Staunen ist die Einstellung eines Menschen, der die Weisheit wahrhaft liebt, ja es gibt keinen anderen Anfang der Philosophie als diesen.“

Dabei ist über die Jahrhunderte das Staunen auch in Verruf geraten: Andere Philosophinnen und Philosophen lehnen das Staunen sogar regelrecht ab. Sie glauben, um gut durch das Leben zu kommen, braucht es Gelassenheit und eine gewisse Leidenschaftslosigkeit. Staunen und sich wundern ist für sie ein Gegensatz dazu. Wer staunt, lässt sich zu leicht überraschen. Staunen kann auch heute noch so gesehen werden: Jemand ist nicht vorbereitet und kann leicht übertölpelt werden. Ein aufgeklärter Mensch lässt sich nicht einfach ins Staunen und Wundern bringen!
Erst seit dem 20. Jahrhundert erholt sich der Ruf des Staunens wieder. Und mir fällt, ehrlich gesagt, beim Wort „Staunen“ auch etwas anderes ein. Staunen heißt für mich, wie ein kleines Kind vollkommen in etwas aufgehen können, das mir noch neu ist. Es ist für mich die Entdeckung, dass so vieles, das ich als selbstverständlich annehme, ganz und gar nicht selbstverständlich ist. Es ist eine Art der Wahrnehmung und die Möglichkeit, innezuhalten.

Machen Sie doch selbst einmal den Versuch. Dabei muss sich gar nicht etwas Großartiges ereignen. Es genügt tatsächlich, wenn Sie einen Gegenstand in Ihrer unmittelbaren Umgebung einmal zu sich nehmen, betrachten und dann überlegen, welchen Weg der Gegenstand von seiner Entstehung bis in Ihre Hand genommen hat. Das könnte vielleicht ein Kugelschreiber sein, nichts Besonderes, aber wenn ich mir Zeit lasse und ihn betrachte, erinnere ich mich, woher ich ihn habe. Möglicherweise war es ein Werbegeschenk oder ein Stift aus meiner Arbeit mit der Aufschrift von dort. Die Firma hat ihn irgendwann einmal bestellt und mit einem Paketdienst zugestellt bekommen. Das heißt, jemand hat ihn geliefert, vorher musste er in ein Verteilerzentrum gekommen sein. Dorthin kam er, weil irgendwo jemand diesen Kugelschreiber mit wahrscheinlich hunderten oder tausenden anderen in eine Schachtel gepackt hat. Ich komme zurück auf seine Entstehung, wo vielleicht die Einzelteile hergestellt wurden. Und immer wieder kommt mir in den Sinn, dass vom ersten Rohstoff bis zum Kugelschreiber hier auf meinem Schreibtisch so viele Menschen und Betriebe mit diesem

Lebenswert

Schreibwerkzeug zu tun hatten, damit es hier liegen kann. Und wie weit möglicherweise die Wege waren, um diesen einen Kugelschreiber herzustellen. Kugelschreiber: selbstverständlich! Wenn ich mir seinen Werdegang anschaue, dann komme ich plötzlich ins Staunen.

Doch das Staunen ist nicht nur ein Aha-Erlebnis und sich wundern. Staunen zeigt mir auch, wie verwoben wir mit Dimensionen der Welt sind, die wir sonst nicht einmal erahnen. Das kann positiv sein (vielleicht spüre ich Dankbarkeit dafür, dass ich so vielen Menschen diesen kleinen Kugelschreiber verdanke), das kann aber auch aufrüttelnd sein (wenn ich an den Energieaufwand denke, den der Kugelschreiber verursacht hat, und wenn ich mich zu fragen beginne, wie so ein Gegenstand kostenlos vergeben werden kann, wenn es doch so viele Menschen zu seiner Herstellung und Lieferung braucht).

Staunen ist also nicht nur etwas, was mich ereilt und ergriffen macht, wie z.B. ein grandioser Sonnenuntergang oder der Blick auf die nächtliche Milchstraße. Staunen kann ich selbst einüben, um Selbstverständliches neu zu sehen. Es tun sich neue Perspektiven auf, der Blick geht tiefer und weiter zurück. Und das Staunen kann Fragen entstehen lassen, die mich wiederum zu Veränderungen führen. In jedem Fall erfordert das Staunen Innehalten: Ich unterbreche mein Hamsterrad des Alltags und der Routine und frage mich: Wo stehe ich? Was mache ich hier? Wie begegnen mir die Dinge?

Und weiter: Bislang habe ich nur Gegenstände und Situationen erwähnt, über die ich staunen kann. Ich kann es auch wagen, über Menschen zu staunen. Nehmen Sie einmal Ihren Partner, Ihre Partnerin unter diesem Aspekt wahr. Sie werden staunen, welche Einblicke Sie auch nach Jahren bekommen können. Oder staunen Sie über Ihren Chef! Es gibt OrganisationsberaterInnen, die empfehlen den Firmen, einen „Tag des Staunens“ einzuführen, damit der Betrieb aus der Routine einmal aussteigt und durch eine „staunende“ Perspektive die Kraft für neue Ideen und ein wenig Querdenken bekommt.

Staunen heißt also nicht nur Verblüffung, Staunen kann ich zu einer Grundhaltung machen, die mich aus der Selbstverständlichkeit herausholt und mich die Welt immer neu entdecken lässt. Und von Dankbarkeit bis hin zu engagiertem Handeln ist dann alles drin. Nicht umsonst ist das Staunen der Ursprung der Philosophie. Worüber könnten Sie heute noch ins Staunen kommen?