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punktierte Linie

Weltanschauung &
Wahrheitsanspruch

Von Gerd Forcher | Wenn im Jänner Frühling ist und in Paris Terror, dann wird es Zeit, Verunsicherung zuzugeben und die Absolutheit von Wahrheitsansprüchen zu hinterfragen.

Am ersten Frühlingstag des Jahres — der 10. Jänner 2015 verdient diesen Namen — gehen mir die Fernsehbilder zu den Anschlägen in Paris nicht aus dem Kopf. Die Kommentare und Deutungen dazu noch weniger. Ich möchte in der denk.pause das Geschehen in Frankreich freilich nicht noch mehr zerreden (oder besser zerschreiben). Doch wenn ich mir Wetterkapriolen, gesellschaftliche Entwicklungen und so manch eigenes Befinden vor Augen halte, spüre ich, wie in mir innere Dialoge entstehen. Nicht, weil ich schizophren bin, nein, weil ich das Gefühl habe, meine Sicht der Welt bekommt Risse und droht, wie ein Kartenhaus einzustürzen.

Kennen Sie auch diese Momente? Das Gefühl, nichts ist mehr so, wie es war? Das, was bisher Orientierung gegeben hat, trägt nicht mehr? Ich ertappe mich dabei, wie ein alter Nostalgiker zu denken oder so, wie es Karl Valentin kabarettistisch verpackt hat: „Früher war alles besser. Selbst die Zukunft!“ Der Blick zurück hat die Tendenz, das Vergangene zu verklären. Klar: Es ist bereits passiert und uns vertraut geworden. Der Blick nach vorne ängstigt, denn wir wissen nicht, was uns erwartet. Und als Mensch versuche ich, durch Rückschlüsse aus der Gegenwart meine Zukunft zu erkennen.

Ich versuche, eine Orientierung in meinem Leben zu finden. Das ist letztlich der Ausgangspunkt, der meine Verunsicherung auslöst, wenn plötzlich Ereignisse eintreten, die so nicht geplant waren. Das können dann + 14° C am 10. Jänner sein, aber ebenso die Meldung eines Attentats in der Pariser Innenstadt. Die Suche nach Orientierung in meinem Leben manifestiert sich gewöhnlich in meiner Weltsicht oder auch Weltanschauung.

Vielleicht kann Weltsicht und Weltanschauung noch ein wenig differenziert werden: „Weltsicht“ ist ein allgemeinerer Begriff als „Weltanschauung“, ist in gewisser Weise auch neutraler und mehr eine Sicht der Einzelnen als von Gruppen. Dem gegenüber verbinden wir mit „Weltanschauung“ auch „Weltanschauungen“ von Gruppen, Institutionen und Religionen. Nicht selten kommt das Wort „Ideologie“ mit ins Spiel, wenn Weltanschauung einen Totalitätsanspruch entwickelt, der andere Sichtweisen auszugrenzen und abzulehnen beginnt.

Gleichzeitig sind die drei Begriffe nicht wirklich zu trennen, denn sie beeinflussen einander. Denn wenn ich eine Weltsicht entwickle, die mir Orientierung im Leben geben soll, ich aber mit

Lebenswert

dieser Sicht immer noch unsicher durch die Welt gehe, kann es sein, dass ich weiter suche. Es kann aber auch sein, dass ich mich schon bestehenden Weltanschauungen anschließe und somit auch Gruppen, Institutionen, Religions- und Glaubensgemeinschaften als Orientierungspunkte in meinem Leben erlebe. „Ideologisch“ wird das Ganze, wenn ich meine eigene Weltsicht und Weltanschauung als absolut setze und einen so hohen Wahrheitsanspruch fordere, dass nichts anderes mehr Platz hat. Meiner Erfahrung nach passiert das meist gerade nicht aufgrund der eigenen sicheren Überzeugung, sondern genau aufgrund des Gegenteils: Unsicherheit, Sprach- und Argumentationslosigkeit und der Wunsch, sich an etwas festhalten zu können.

Sie können ja auch für sich einmal überprüfen, wie Ihr Weltbild aussieht und wo Sie noch darüber mit sich reden lassen — und wo es für Sie keine Debatte mehr gibt. Wo gehen Ihnen die Argumente aus? Vielleicht gibt es da ja auch schon Anzeichen von Unsicherheit? In einem Buch mit „philosophischen Spielen“ (Aljoscha Schwarz: „Spring über den Horizont. 77 philosophische Spiele für Herz und Verstand“. Stuttgart 2004.) habe ich dazu eine Anregung gefunden, die ich Ihnen gerne weitergebe: Im ersten Schritt suchen Sie sich eine These, Lehre, Ansicht, die Sie wirklich glauben (aber nicht unbedingt Ihre Religion). Versuchen Sie im nächsten Schritt, das Gegenteil von dem zu glauben, was Sie glauben. Sie werden an dieser paradoxen Aufgabenstellung bereits merken, wie schwierig das Spiel werden kann. Suchen Sie zuletzt Argumente, mit denen Sie jemanden, der Ihre ursprüngliche Meinung hat, vom Gegenteil überzeugen könnten.

Dieses Spiel nimmt übrigens die Tradition des „Advocatus Diaboli“ wieder auf. Der „Rechtsanwalt des Teufels“ bringt stets Gegenargumente zu einer bestehenden Auffassung und versucht die Gegenseite zu kritisieren, wo es argumentativ nur geht. Professionell wird diese Methode in der Organisationsberatung bei Entscheidungsprozessen und in der katholischen Kirche bei Heiligsprechungsprozessen verwendet. Wenn Sie das Modell ganz persönlich auf Ihre Weltanschauung anwenden, dann kann es vielleicht Klärungen bringen, vielleicht aber auch einfach dazu führen, dass Sie Ihre eigenen Ansichten und Meinungen mit mehr Humor und spielerisch betrachten können. Denn letztlich ist eine Weltanschauung was sie ist: Anschauung der Welt — und nicht die Welt selbst. Orientierungshilfe — und nicht Ziel wovon auch immer.