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Hoffnung
für 2015

Von Gerd Forcher | Angeblich blicken die Österreicherinnen und Österreicher pessimistisch und sorgenvoll ins Jahr 2015.

Kurz vor dem Jahreswechsel gibt es jährlich eine Umfrage, wie Frau und Herr Österreicher ins neue Jahr gehen. Für 2015 sieht es düster aus, will das IMAS-Institut wissen: Nur 41 Prozent sind optimistisch, 50 Prozent bllicken pessimistisch in die Zukunft, 24 Prozent sogar sehr besorgt.

Nun, als Philosoph könnte ich nun die Frage nach Sinn und Unsinn solcher Umfragen in den Raum stellen: Welche Methoden werden angewandt? Wie aussagekräftig sind Erhebungen, die auf die Gesamtbevölkerung umgelegt werden (ich wurde z.B. nicht befragt — und Sie?)? Was ist das Ziel solcher Umfragen, außer vielleicht eine Zeitungsseite und eine Nachrichtenminute in Radio und Fernsehen zu füllen (und mir als Aufhänger folgender Ausführungen zu dienen)?

Anstatt Umfragen und Statistiken zu hinterfragen, habe ich mir jedoch heute vorgenommen, den Begriff der Hoffnung in den Blick zu nehmen, der ja bei uns mit Optimismus und mit dem Blick in die Zukunft eng verbunden ist. Silvester und Neujahr geben den Raum, sich auf das vergangene Jahr zurück zu besinnen und einen Ausblick auf das neue Jahr zu werfen. Nicht umsonst heißt der erste Monat des neuen Jahres Jänner oder Januar zu Ehren des römischen Gottes Janus, der zwei Gesichter hatte: eines mit dem Blick zurück und eines mit dem Blick nach vorne.

Ich weiß nicht, ob Sie den Jahreswechsel zu einer solchen Standortbestimmung nutzen oder darin nur eine übertriebene Herausstellung einzelner Tage im Lauf der Zeit sehen (auch darüber könnte heute philosophiert werden: Warum sollte ein willkürlich gewähltes Datum Grund für Festivitäten und Standortbestimmungen sein?). Jedenfalls kann der Blick nach vorne — egal ob zum Jahreswechsel oder zu anderen Zeitpunkten — ein hoffnungsvoller oder ein hoffnungsloser sein. Um auf die Umfrage zurück zu kommen: Österreich blickt eher ohne große Hoffnungen auf das neue Jahr. Doch wozu sollten wir Hoffnungen hegen? Warum wäre das positiver als ein skeptischer Blick nach vorne?

Historisch gesehen ist es tatsächlich so, dass in der Antike Hoffnung eher negativ konnotiert war: Hoffnung wurde als trügerisches Vertrauen in eine unsichere Zukunft gesehen. Hoffnung ist ein Übel, das vom eigenständigen Handeln abhält. Selbst als die Hoffnung durch das Christentum zu einer der drei theologischen Kardinaltugenden erhoben wurde (neben Glaube und Liebe), hatte der Volksmund noch Weisheiten auf Lager wie „Hoffen und Harren hält manchen zum Narren“. So gesehen, kann Hoffnung auch daran hindern, dass jemand handlungsfähig bleibt.

Macht Hoffnung also blind für ein realistisches Bild der Welt? Was ist Hoffnung überhaupt? In einer kurzen Analyse (und vielleicht versuchen

Lebenswert

Sie selbst sich daran zu erinnern, wann Sie von „Hoffnung“ gesprochen haben) zeigt sich, dass Hoffnung jedenfalls keine Überzeugung ist. Eine Überzeugung ist ein Für-wahr-Halten. Hoffnung hat aber auch eine stark emotional geprägte Dimension. Dennoch ist Hoffnung aber auch nicht nur ein Gefühl. Ich spreche hier von philosophischen Unterscheidungen, die wir im Alltag leicht anders bezeichnen. Hoffnung wird nicht notwendiger Weise „gefühlt“, auch wenn ein Gefühl z.B. der freudigen Erwartung mitschwingen kann.

Hoffnung ist eine Haltung, eine Einstellung. Oben habe ich geschrieben, dass sie in der christlichen Tradition zu den drei theologischen Tugenden gehört. Und, wenn wir einmal den alten Aristoteles zu Wort kommen lassen wollen, dann sind Tugenden eben gerade solche Grundhaltungen und Einstellungen, die nicht sofort und immer Handlungen mit sich bringen. Haltungen können sich entwickeln und kommen zum Tragen, wenn wir in entsprechenden Situationen sind.

Was sind nun wieder Situationen, die Hoffnung sichtbar machen? Anders gefragt: Worauf ist Hoffnung gerichtet? Nur auf Zukünftiges? Ich kann auch hoffen, dass ein Freund, den ich lange nicht mehr gesehen habe, noch lebt. Ich hoffe, dass ich das Auto abgeschlossen habe. Hoffnung richtet sich also nicht unbedingt auf Zukünftiges oder auf das Jahr 2015. Auch Gegenwärtiges und selbst Vergangenes kann Ziel meines Hoffens sein. Paradoxerweise darf das, was ich erhoffe, nicht sicher sein. Denn wenn es sicher ist, dann weiß ich darum und brauche nichts erhoffen. Aber es darf auch nicht unmöglich zu erreichen sein und es darf schon gar nicht vollkommen unwahrscheinlich sein! Also unterscheidet sich Hoffnung auch von Wünschen (denn wünschen kann ich mir auch das Unwahrscheinliche — es wird halt nie eintreten) und von irrealen Erwartungen (2015 wird kaum der Weltfriede anbrechen; ebenso wird 2015 niemand die Hypo sanieren; über eine vernünftige Regierungsarbeit kann schon einmal gestritten werden).

Ist also der vom Meinungsinstitut beschworene Pessimismus der Österreicherinnen und Österreicher Schwarzmalerei? Abgesehen von den eingangs gesetzten Fragezeichen zu solchen Umfragen, bedeutet eine kritische Einstellung zu Zukunftsperspektiven nicht unbedingt den Niedergang des Abendlandes. 1982 war das Ergebnis der Umfrage noch niederschmetternder. Wir haben es überlebt. Es kann auch ein Antrieb sein, gegen die „pessimistischen“ Ausblicke Handlungsschritte zu setzen. Vielleicht sind einfach künftige Ereignisse in der Meinung vieler nicht nur nicht sicher, sondern auch unmöglich oder sogar unwahrscheinlich. Oder glauben Sie, dass 2015 die Arbeitslosenrate bei uns auf 0 Prozent sinkt und Conchita Wurst 2016 nächster US-Präsident wird?