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Was ein Leben lebenswert macht

Von Gerd Forcher | Sind wir zur Freiheit verurteilt oder doch eher frei, uns nicht jedem behördlichen Reglement zu unterwerfen?

Wenn ich schon in einer Kolumne unter der Hauptüberschrift „Lebenswert“ schreibe, ist es angebracht auch einmal darüber aus philosophischer Sicht etwas zu schreiben. Zunächst: Wir leben! Eine scheinbar selbstverständliche Feststellung: „No na net! Sonst könnte ich die Zeilen ja nicht lesen“, könnten Sie einwenden. Gleichzeitig ist es sicher etwas vom Faszinierendsten, dass wir tatsächlich leben und uns dessen bewusst sind.

Die scholastische Philosophie des ausgehenden Mittelalters hat zwischen Wesen und Existenz („essentia“ und „existentia“) unterschieden: Das Wesen ist das, was etwas ist. Die Existenz ist, dass etwas ist. Dass es überhaupt etwas gibt, ist nicht selbstverständlich. Und dass dieses Existierende sich dieser Existenz auch noch bewusst ist, das ist noch weniger selbstverständlich. Martin Heidegger hat diesen Unterschied selbst-bewusster und nicht bewusster Existenz als „Dasein“ des Menschen und als „Vorhandensein“ der Gegenstände beschrieben. Wir, also Sie und ich, sind schon einmal etwas Einmaliges und Besonderes!

Diese Tatsache kann Ihr Selbstwertgefühl heben, kann aber auch Sorge und Angst auslösen. In der Existenzphilosophie war und ist das immer wieder Thema. Das Bewusstsein um die eigene Existenz, um das eigene Da-Sein führt zu einer diffusen Daseinsangst, zu einer „existentiellen Angst“, von der wir nicht sagen können, worauf sie sich richtet. Im Gegensatz dazu ist die Furcht immer auf etwas gerichtet: Ich habe Furcht vor den Krampussen, ich habe Furcht vor der OP, ich habe Furcht vor dem Einstellungsgespräch. Aber die Angst ist grundsätzlich. Laut manchen PhilosophInnen steht sie in Verbindung mit dem Wissen (bewusst oder unbewusst) um die eigene Freiheit und Verantwortung für das eigene Leben. Jean-Paul Sartre spricht sogar davon, dass wir zur Freiheit verurteilt sind.

Na, spätestens jetzt ist das neu gewonnene Selbstwertgefühl wieder im Keller: zur Freiheit verurteilt. Das macht ja wirklich Angst. Ich kann freilich Freiheit auch ganz anders sehen: Ich darf und kann mein Leben gestalten. Und ich kann es lebenswert gestalten! So, nun sind wir wieder bei „lebenswert“. Doch welche Werte machen das Leben lebenswert? Vorweg: eine Einheitsantwort oder –lösung gibt es dazu nicht. Die Rezeptur eines lebenswerten Lebens wurde noch nicht gefunden. Das liegt wohl einerseits in der genannten Freiheit, die Dinge so gestalten und sehen zu können, wie es für jede und jeden persönlich stimmt, andererseits bestimmen auch Biografie und Sozialisation, was ich als lebenswert und Lebenswert empfinde.

Für manche Menschen ist es zudem von

Lebenswert

vornherein kein Thema. Ich vermute aber, dass Sie nicht dazu gehören, sonst hätten Sie nicht bis hier her gelesen. Also denke ich einmal schriftlich weiter: Mit dem Blick auf die Denkgeschichte wurde ja schon vielerlei als lebenswert und Lebenswert angesehen. Aristoteles schrieb davon, dass ein Leben gelungen sei, wenn man die Glückseligkeit erlangt. Also wäre Glück ein solcher Lebenswert. Andere sehen Disziplin und Pflichterfüllung als ihre Lebenswerte. Wofür es sich zu leben lohnt, scheint wirklich eine große Bandbreite einzuschließen. Interessant wird es, wenn ich drauf komme, dass ich jahrelang Lebenswerten nachgejagt bin, die ich plötzlich nicht mehr als lebens- und erstrebenswert betrachte. Was ist, wenn ich es als positiv erachte, ständig den Erwartungen anderer zu entsprechen. Und eines Tages — aufgrund welcher Situation auch immer — merke ich, dass ich mein eigenes Leben dadurch verschlafen habe (übrigens gibt es dazu ein Bonmot: „Manch einer ist mit 30 Jahren schon gestorben, wurde aber erst mit 80 Jahren begraben.“).

Oder wie sieht es mit vermeintlich eigenen Lebenswerten aus, die sich als gesellschaftlicher Trend herausstellen? Ein herausragendes Beispiel ist für mich der Gesundheitshype, der den Wert der Gesundheit über alle anderen Werte stellt. Wenn jede Kalorie und jedes Allergen auf die Waagschale gelegt werden, wenn es „gesundheitsfördernde Maßnahmen“ von Behördenseite gibt, wenn alles, was in Richtung Krankheit nur deuten könnte, gnadenlos eliminiert wird, dann frage ich mich: Leben wir, um gesund zu sein? Oder sollten wir nicht gesund sein, um gut leben zu können? Verstehen Sie mich richtig: Wenn ich erkranke, will ich selbstverständlich wieder gesund sein.

Und Gesundheit hat ihren Wert dort, wo sie gutes Leben ermöglicht. Doch manchmal scheint mir im Namen der Gesundheit jeder andere Wert zu verblassen und zu einer moralischen Herausforderung zu entarten. Robert Pfaller, der Wiener Kulturphilosoph, meint z.B. dass lustvolles Leben durch solches Reglement nicht mehr möglich ist. Sie merken schon: Pfaller ist Hedonist. Lustvolles Leben ist für ihn Lebenswert. Auch dem müssen Sie nicht zustimmen. Es wird aber deutlich, dass er ganz hilfreich sein kann, sich selbst zu fragen: Was sind meine Lebenswerte? Woher kommen sie? Sind es „anerzogene“ oder gesellschaftliche Trendwerte? Bestimmen sie mein Leben oder gestalte ich mein Leben so frei, dass ich meine Werte manchmal hinterfrage, um zu sehen, ob sie noch lebensförderlich sind?

Ja, dass wir leben, ist schon keine Selbstverständlichkeit. Dass wir uns dessen bewusst sind noch weniger. Und dass dieses bewusste Leben auch noch lebenswert ist, das bedarf wohl auch einiger Selbstreflexion.