Lesedauer   Lesedauer – für diesen Text benötigt ein durchschnittlicher Leser 3:10 Minuten  (Erklärung hier)

punktierte Linie

Von Personen und Persönlichkeiten

Von Gerd Forcher | Nehmen Sie es bitte nicht persönlich! Aber haben Sie sich schon einmal die Frage gestellt, ob Sie eine Person sind? Nein? Auch nicht nötig? Sie meinen, warum sollten Sie denn keine Person sein. Und was wäre die Alternative?

Richtig, wir sind wieder mitten in der Philosophie, die selbst einen Begriff wie „Person“ in Frage stellt. Aber nun von Anfang an: „Person“ ist kein Wort, das immer und überall bekannt ist und verwendet wird. Manche Kulturen und Weltanschauungen (wie zum Beispiel östliche Religionen) kennen schon einmal keine Person. Selbst im Westen, sprich Europa, findet sich das Wort erst in der griechischen und römischen Antike und kommt dort im Zusammenhang mit dem Schauspiel vor. „Person“ bezeichnet dort die Maske der SchauspielerInnen. „Per sonare“ heißt lateinisch „ durchtönen“, „durchklingen“: Die Stimmen der SchauspielerInnen tönte durch die Masken durch. Also ist es eigentlich ein ganz bodenständiger Begriff aus der Theatersprache. Auch in der christlichen Antike hat Person noch nichts mit Ihnen und mit mir, also mit Menschen zu tun. Der Begriff „Person“ kommt zunächst nur Gott als wirklich freiem und vernünftigem Wesen zu. Erst von daher wird der Begriff „Person“ auf den Menschen übertragen. Der christliche Philosoph Boethius definiert „Person“ als – Achtung, dass sich nun Ihre Ganglien nicht verknoten – „rationalis naturae individua substantia“. Auf gut Deutsch ist eine Person eine unteilbare („individuelle“) Substanz einer rationalen (vernünftigen) Natur.

Können Sie der Definition noch folgen? Wenn nicht, dann folgen Sie bitte unauffällig meinem Versuch, das Ganze ein wenig zu klären. Mit unteilbarer Substanz ist etwas gemeint, das nicht mehr weiter reduzierbar ist, also so etwas wie ein Kern, der für sich selbst steht. Etwas, das für sich steht und sich aus sich heraus gestaltet, kann als „frei“ bezeichnet werden. Die Freiheit, so die Philosophin Edith Stein, ist „die Gabe, das eigene Verhalten selbst aus sich zu gestalten“. Eine Person ist also jemand, der das eigene Leben gestalten kann. Und als „Substanz einer vernünftigen Natur“ kommt dazu, dass die Person vernünftig sein kann, also – würde wieder Edith Stein sagen – „ein Geschöpf, das die Gesetzlichkeit seines eigenen Seins verstehen und sich mit seinem Verhalten danach richten kann“. Das heißt, eine Person ist frei und vernunftbegabt. Eine Person kann selbstbestimmt durch das eigene Leben gehen und ist sich ihrer eigenen Grenzen und Fähigkeiten bewusst.

So könnte „Person“ in der Definition von Boethius übersetzt werden.

Lebenswert

Die Philosophin, die ich dafür „befragt“ habe – Edith Stein – hätte ich ehrlich gesagt wirklich gerne selbst kennen gelernt, denn sie hat dieses Person-Sein in ihr Leben übertragen. Und was für ein Leben: Noch im 19. Jahrhundert geboren, wuchs sie im jüdischen Glauben auf und wurde Assistentin bei Edmund Husserl, seines Zeichens Begründer der philosophischen Richtung der Phänomenologie. Sie hätte gut eine Professur übernehmen können, wurde aber – weil sie eine Frau war (!) – abgelehnt. Weltanschaulich wurde sie zunächst zur Atheistin, wechselte dann in den 1920er Jahren zum Katholizismus und trat sogar noch in einen Frauenorden ein, wo sie aber ihr philosophisches Denken weiterführte.

Aufgrund ihrer jüdischen Herkunft wurde sie 1942 deportiert und im KZ Ausschwitz-Birkenau vergast. Edith Stein hat ihr Leben selbstbestimmt geführt, sich den weltanschaulichen Fragen gestellt und entsprechend gehandelt, sich ihrer Fähigkeiten und Grenzen bewusst. Sie dürfte ganz Person im obigen Sinn gewesen sein. Und selbst ihre Zurückweisung, weil sie Frau war, und ihr tragisches Ende, weil sie Jüdin war, nehmen von dieser Freiheit und Vernunft nichts. Der Einfluss von außen kann zwar einschränken, aber die „Substanz“ nicht wegnehmen.

Es gab und gibt durch die Denkgeschichte freilich noch andere Definitionen und Ansätze, was „Person“ heißen kann. Freiheit und Vernunft findet sich aber bei praktisch allen Versuchen, „Person“ zu beschreiben. Vielleicht wird meine Frage vom Anfang, ob Sie eine Person sind, dadurch auch verständlicher. Als Mensch bin ich in dieser Sichtweise nicht automatisch eine Person. Es kommt wohl darauf an, wie weit ich mich zu mir und meinem Leben verhalten kann. Und es kommt darauf an, wie weit ich meine Fähigkeiten und Grenzen berücksichtige. „Selbstbestimmt leben“, „Inklusion“ sind inzwischen Schlagworte, die möglicherweise ein Appell sind, Menschen, denen wir das Personsein nicht zutrauen, endlich als Personen zu begreifen. Und vielleicht brauchen wir selbst auch die Gewissheit, Personen zu sein: Selbstständigkeit, Autonomie und Mündigkeit. Die Frage nach dem Personsein könnte dann auch so lauten: Wo nehme ich mein Leben selbst in die Hand? Wo lasse ich mich bevormunden? Also: Bin ich eine Person? Ganz persönlich?