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Die Kunst zu sterben als Lebensstil

Von Gerd Forcher | Der Tod ist die einzige wirkliche Gerechtigkeit im Leben, weil er ausnahmslos alle Menschen betrifft.

Möglicherweise halten Sie mich jetzt für ein wenig morbid: Zuerst schreibt er über das Scheitern, jetzt macht er den Tod zum Thema. Gibt es in der Philosophie nicht erbaulichere Inhalte? Nun, ich gebe ja zu, dass mich die kürzeren Tage und der herbstliche Blätterfall anregen, über den Tod mehr nachzudenken. Auch kürzlich in einer Gesprächsrunde war die Überschrift: „Bin ich noch, wenn der Tod ist?“

Manche Philosophen haben das ja recht nüchtern betrachtet: Epikur, seines Zeichens Hedonist, meinte in einem Brief: „So ist also der Tod, das schrecklichste der Übel, für uns ein Nichts: Solange wir da sind, ist er nicht da, und wenn er da ist, sind wir nicht mehr.“ Also warum machen wir uns Sorgen? Ist der Tod der Ausdruck unserer menschlichen Nicht-Existenz, dann begegnen wir uns offensichtlich gar nicht: der Tod und wir als Existierende. Klingt doch logisch.

Und dennoch sind wir betroffen, sorgen oder ängstigen uns sogar vor dem Tod. Ich weiß auch nicht, ob jemand, der im Sterben liegt oder der die Diagnose einer tödlichen Krankheit erhält, durch Epikurs Worte getröstet ist. Denn – und das scheint mir eine widersprüchliche Erfahrung zu sein – obwohl wir Menschen im Bewusstsein unseres eigenen Endes leben und um unseren Tod wissen, können wir uns unser Nichtmehrvorhandensein nicht vorstellen. Ich weiß zwar, dass es eine Zeit nach mir gibt und ich kann auch Zukunftsszenarien entwerfen, von denen ich weiß: Mich gibt es da nicht mehr. Und dennoch kann ich mein eigenes Nichtmehrsein nicht wirklich als Erfahrung nachvollziehen. Kranksein, der Genuss eines Eisbechers, das Gefühl bei einem Sonnenaufgang – alles ist nachvollziehbar, nur der eigene Tod nicht.

So ist es für Philosophinnen und Philosophen schon interessant, wie wir überhaupt um unseren Tod wissen können: Ist es die Betroffenheit, die wir erleben, wenn geliebte Menschen sterben? Ist es – wie Existenzphilosophen vermuten – das Bewusstwerden der Angst vor dem eigenen Tod? Wie dem auch sei, Michel de Montaigne, ein Philosoph aus dem 16. Jahrhundert, meint: „Die Besinnung auf den Tod ist Besinnung auf die Freiheit. Wer sterben gelernt hat, hat das Dienen

Lebenswert

verlernt. Die Kunst zu sterben befreit uns von aller Unterwürfigkeit und allem Zwang. Für den hat das Leben kein Übel mehr, der eingesehen hat, dass sein Verlust kein Übel ist.“

Diese Zeilen stehen in Montaignes Essay „Philosophieren heißt sterben lernen“. Die Überschrift ist ein Zitat aus einem Dialog Platons und hat dort den Hintergrund, dass es so etwas wie den „philosophischen Tod“ gibt: Der physische Tod ist nach der damaligen Auffassung die Trennung von Seele und Körper, die Seele kehrt zurück in die Welt der Ideen – also in die nach Platon eigentliche Realität. Durch das Philosophieren können diese „Trennung“ und der Weg in die wahre Welt der Ideen schon in diesem Leben passieren. Kurz gesagt: Wer philosophiert, erleidet den Tod seines bisherigen sinnlosen Lebens.

Krasser Gedanke, denken Sie vielleicht jetzt. Montaigne deutet den Satz auch ein wenig um: Er sieht mehr unsere Angst und Sorge vor dem physischen Tod und erachtet die Philosophie als eine Möglichkeit, diese Angst zu hinterfragen, so nach dem Motto: „Was kann schon passieren?“ Der Tod ist die einzige wirkliche Gerechtigkeit im Leben, denn er trifft ausnahmslos jeden Menschen. Dazu passt auch die Anekdote, die Montaigne hier einfügt: „Als man zu Sokrates sagte, die dreißig Tyrannen haben Dich zum Tode verurteilt, erwiderte er: Und die Natur sie!“ Denn, so Montaigne weiter, „wie unsere Geburt für uns die Geburt aller Dinge war, so wird unser Tod uns der Tod aller Dinge sein“.

Und wenn ich den Tod nicht aus meinem Leben verbanne, sondern bewusst mit ihm rechne, kann er seinen Schrecken verlieren. Dazu muss ich nicht mit Trauermiene und schwarzer Kleidung durch die Gegend rennen. Aber überlegen Sie einmal: Aus dem Blickwinkel der eigenen Vorstellungen über den Tod ergeben sich interessante Erkenntnisse darüber, wie ich mein Leben gestalte. Früher nannte man das die „ars moriendi“, die Kunst des Sterbens, die Hand in Hand mit der „ars vivendi“, der Kunst zu leben, ging. Das nimmt zwar nicht meine Betroffenheit dem Tod gegenüber, aber es entsteht vielleicht für mich ein neues Verhältnis zu diesem Phänomen, das mein wahrnehmbares irdisches Leben beenden wird.

Morbid? Vielleicht ein wenig. Aber wenn es das Leben bereichert – warum nicht?