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Scheitern,
aber richtig!

Von Gerd Forcher | Wer aktiv resigniert und ein Scheitern zulässt, dem öffnen sich vielleicht bisher verschlossene Perspektiven.

Möglicherweise kennen Sie auch solche Geschichten: Da ist man verliebt, lernt einander besser kennen, baut eine Beziehung auf, schwört einander ewige Treue – und dann wollen es die Umstände anders: Die Beziehung zerbricht, ist gescheitert.

Oder vielleicht so etwas: Jemand versucht, sich seinen/ihren Traumjob zu erfüllen. Arbeitet sich mühsam rauf. Eines Tages heißt es, dass Sparmaßnahmen drohen – aber es wird keine Kündigungen geben. Die besagte Person bemüht sich weiterhin, lässt nichts unversucht, um beruflich weiter zu kommen und nicht gekündigt zu werden. Dann gibt es plötzlich von oben immer mehr Schikanen, Informationen fehlen, gemachte Arbeiten werden abgewertet. Die Person ist mit den Nerven fertig, das „Bossing“ (so heißt das Mobbing durch die Bosse, also von oben) zeigt seine Wirkung: Die Person kündigt nach längerem Krankenstand selbst – sie ist mit ihren Karriereplänen gescheitert.

Ich könnte noch einige Beispiele anführen und bin mir sicher, dass spätestens jetzt auch Ihnen noch einiges einfällt. Ja, heute möchte ich einmal über das Scheitern ein paar Worte verlieren – und hoffen, dass ich sie wieder finde. Denn „Scheitern“ ist wohl etwas, das uns allen in irgendeiner Form schon begegnet ist. Und philosophisch daran ist, dass es irgendwie immer wieder Thema in der Philosophie ist, weil es um menschliche Grenzen geht.

„Scheitern“ ist ja im Gegensatz zu „Krise“ nicht offen für einen positiven oder negativen Ausgang. Eine Krise definiert sich dadurch, dass etwas in Bewegung ist und herausfordernde Situationen entstehen, die entweder gut bewältigbar sind oder negative Folgen haben können. Im Scheitern liegt das Wort „Scheit“ verborgen: Ein Holzscheit ist ein zerteiltes Holz, etwas scheitern heißt etwas zerbrechen, zerteilen – und zwar unrevidierbar. Dadurch bekommt das Scheitern eine endgültigere und folgenschwerere Dimension als die Krise und ist dadurch auch eine große Herausforderung für das philosophische Denken. Wenn ich scheitere, dann erfahre ich meine Grenzen als Mensch, meine Kontingenz, meine Endlichkeit und Begrenztheit.

Gerade die Existenzphilosophie (und mit ihr Philosophen wie Kierkegaard, Heidegger und Jaspers) fragt nach unserem Umgang mit diesen Grenzen. Sören Kierkegaard, bekannt als der „Dandy von Kopenhagen“, findet in der Angst eine Möglichkeit, sich seiner Grenzen bewusst zu werden. Angst kann unfrei machen, weil sie uns nicht uns selbst sein lässt. Angst kann uns aber ebenso gut die Möglichkeit bieten, unsere Grenzen wahrzunehmen. Damit bekommen wir erst recht die Möglichkeit, anhand unserer Grenzen zu schauen, wer wir sein wollen und können. Übrigens ist Angst von der Furcht zu unterscheiden. Furcht vor etwas oder jemanden ist konkret. Angst ist eine Art Grundstimmung, die da ist, aber nicht direkt einen

Lebenswert

Gegenstand hat (sagen zumindest Kierkegaard und mit ihm andere PhilosophInnen wie Heidegger). Martin Heidegger geht sogar so weit, dass er die Angst als Grundzug des Menschen sieht, den wir nicht mehr los werden. Diese Angst zeigt uns nicht nur unsere eigenen Grenzen, sondern die Grenzen der gesamten Wirklichkeit!

Karl Jaspers, wieder ein anderer Existenzphilosoph und Psychiater, bezeichnet dieses bewusste Erfahren der eigenen Ohnmacht im Scheitern als „aktive Resignation“. Nun werden Sie sich vielleicht sagen: Na toll, jetzt soll ich mir mein Scheitern auch noch wie einen Stachel im Fleisch bewusst machen und „aktiv resignieren“. Das klingt ja wie „ins offene Messer laufen“. Jaspers würde – wenn er noch lebte und mit Ihnen ins Gespräch käme – allerdings erwidern: Nein, so meine ich es nicht! Aktive Resignation sieht und anerkennt unsere Grenzen und verzichtet auf das Unmögliche. Eine passive Resignation, wie wir sie im Alltag verstehen, würde nicht nur das Unmögliche sein lassen, sondern auch das Mögliche. Aktive Resignation bedeutet: Ich renne nicht Erfolgen oder Idealen nach, die ich nicht erreiche, sondern packe an, was ich kann und was mir möglich ist. Scheitern zeigt mir diese Möglichkeiten. Damit verbunden ist sogar eine Öffnung von bisher Verschlossenem. Denn wenn wir scheitern, dann reagieren wir vielleicht mit passiver Resignation, mit der Flucht in ein Suchtverhalten, mit übertriebenem Aktivismus oder anderen Verdrängungsmechanismen. Wir schauen uns unser Scheitern nicht an. Werden wir uns unserer Grenzen bewusst, finden wir wieder Handlungsmöglichkeiten und vielleicht sogar einen kreativen Umgang mit dem Scheitern.

Um die Beispiele vom Beginn herzunehmen: Vielleicht wird mir klar, dass es gut ist, die „gescheiterte“ Beziehung in guter Erinnerung zu halten in dem, was darin schön war, und nicht dem nachzujammern, was den Erwartungen nicht entsprochen hat. Und das ist vielleicht das Öffnen von Verschlossenem: Sich selbst darin besser kennen zu lernen, wie man mit Erwartungen umgeht – und ob es manchmal nicht zu hohe Erwartungen sind, die scheitern müssen. Und die Person, die trotz aller Bemühungen hinaus gemobbt wurde: Sie erlebt möglicherweise beim genaueren Hinschauen, dass trotz eigener Anstrengungen Faktoren von außen stärker sein können. Sie kann vielleicht unterscheiden, dass sie ihr Bestes gegeben hat, dass gleichzeitig woanders (in den Chefetagen) Entscheidungen getroffen wurden, die sie nicht beeinflussen konnte. Das öffnet vielleicht einen neuen Blick auf das, was ich im Leben tatsächlich erreichen will: Ist es die Karriere auf Gedeih und Verderb oder orientiere ich mich an etwas Neuem?

Scheitern kann philosophisch betrachtet unsere menschlichen Grenzen radikal freilegen. Damit schafft es uns aber auch die Möglichkeit, damit umzugehen – wenn wir darauf hinschauen wollen. Die Philosophie ermutigt dazu.