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Warum Baustellen erstaunlich sind

Von Gerd Forcher | Es gibt weder fixe Antworten noch ewige Wahrheiten – wozu und wofür auch immer.

Wenn ich zurzeit durch Innsbruck spaziere, kommen mir – warum bloß? – schnell Assoziationen zu Baustellen. Assoziationen zu sehr viel Baustellen, von denen ich teilweise nicht einmal weiß, wozu sie da sind. Vielleicht haben Sie das auch schon einmal erlebt: Gestern war da noch ein schön asphaltierter Weg, heute müssen Sie schon einige Straßen weiter gehen, weil plötzlich ein Riesenloch mitten im Weg klafft. Das nächste, was mir dazu einfällt, ist, dass Baustellen viel mit Philosophie zu tun haben.

Ja, vielleicht betrachten Sie sich die Innsbrucker (aber auch andere) Baustellen einmal unter einem philosophischen Aspekt. Gestern war die Welt noch in Ordnung, heute sind Sie schon orientierungsloser, weil ein großes Frageloch auf Ihrem Lebensweg liegt. Überhaupt sind im Laufe der Philosophiegeschichte viele Baustellen aufgemacht worden, selten wurde eine wirklich wieder verschlossen. Und Philosophen, die glaubten, ihre Philosophie sei der Endpunkt allen Philosophierens, wurden immer bald eines besseren belehrt.

Das macht Philosophieren vielleicht auch manchmal so mühsam, weil das Gefühl aufkommt, man komme eh nie an ein Ziel und zu einer endgültigen Lösung. Wozu also mit der Mühe beginnen, wenn es doch keine fixen Antworten gibt? Nun, manche glauben ja heute immer noch, dass es fixe Antworten und ewige Wahrheiten gibt – wozu und wofür auch immer.

Da halte ich es eher mit dem alten Platon, der in seinem Dialog „Theaitetos“ folgendes zum Thema Philosophie geschrieben hat: „Denn dies ist der Zustand eines gar sehr die Weisheit liebenden Mannes, das Erstaunen; ja es gibt keinen anderen Anfang der Philosophie als diesen …“ Gut, dass er nur von Männern spricht, die die Weisheit lieben, hat mit dem engen Blick seiner Zeit zu tun – heute sind es ganz klar die „Weisheit liebende Menschen“. Von diesem antiken Fauxpas abgesehen, finde ich den Gedanken, dass die Liebe zur Weisheit (griechisch: Philosophie!) in einen Zustand des Erstaunens versetzt, faszinierend. Damit geht es beim Philosophieren plötzlich nicht mehr ums „G’scheitsein“ und um das Finden der einzig wahren Antwort. Es geht um ein menschlich zutiefst verankertes, ja eigentlich um ein kindliches Verhalten, das wir an Kleinkindern oft entzückt feststellen können: das Staunen!

Aristoteles, Schüler Platons, sieht ebenfalls im Staunen den Anfang jeder Philosophie. Und sagen Sie selbst: Treibt nicht das Staunen zu einer Art

Lebenswert

Lust nach Mehr an? Ein Mehr an Wissen, ein Mehr an Fragen, ein Mehr an Durst nach der Welt und ihren Geheimnissen? Wenn ich in philosophischen Gesprächen plötzlich eine knisternde Stille wahrnehme, ist das nicht Ausdruck von Langeweile oder ohnmächtiger Ratlosigkeit, sondern von staunenden Fragezeichen in den Gesichtern der Mitdenkenden: Wie ist das jetzt zu verstehen? AHA! So habe ich das noch nie gesehen! Ja, und wenn dann das und das noch dazu kommt …

Es stimmt: Philosophie reißt viele Gräben auf. Philosophie wirkt wie eine riesige Baustelle, die viel zu wenig Antworten liefert. Aber wenn ich als erwachsener Mensch wieder zu meinem ureigensten Antrieb geführt werde – und das hat das Staunen wohl auch mit der Libido gemein -, dann werde ich in einen Zustand versetzt, der mich spontan im Hier und Jetzt verweilen lässt, der mich ich selbst sein lässt. Meine eigenen Grenzen werden mir darin genauso bewusst wie die Abenteuerlust, die diese immer noch geheimnisvolle Welt entdecken will.

Ich weiß nicht, wie es Ihnen mit dem Gedanken geht, aber dieses Staunen ist für mich wie ein Gegengewicht zum so oft zitierten Hamsterrad und zur depressiven Verstimmung, die inzwischen zum gesellschaftlichen Grundton gehört. Byung-Chul Han, ein koreanischer Philosoph, schreibt in einem seiner Essays vom „neuronalen Zeitalter“, in dem wir uns befinden. Die Hauptkrankheiten von heute sind neuronal-psychischer Natur: Burnout, Depression, Demenz und ähnliches mehr. Ich glaube ja, dass wir tatsächlich weniger vorgefertigte Antworten brauchen als vielmehr Momente des Staunens, um aus Hamsterrad und Co. wieder aussteigen zu können.

Und es führt auch zu mehr Gelassenheit. Schauen Sie sich die Baustellen einmal von der Seite an: Baustellen bedeuten, dass hier gearbeitet wird, dass es Veränderung gibt, dass etwas Neues entsteht – manche Baustelle, von der nicht bekannt ist, warum es sie gibt, kann als „Wunder für sich“ gesehen werden (zumindest, weil man sich selbst wundert). Damit gehe ich doch ein wenig gelassener durch Innsbruck. Und wenn ich es auf die Philosophie umlege, heißt das nochmals: „Nobody is perfect – and nobody needs to be perfect!“ Niemand ist vollkommen – und muss es auch nicht sein: Unser Leben ist und bleibt Baustelle. Die Philosophie mit ihrem Staunen zeigt das auf und hat damit ihre Antwort auf das Leben: Alles will wieder neu gedacht sein. Und dafür braucht es Zeit, Gelassenheit und – Humor.