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punktierte Linie

Die Zivilcourage
ist im Keller…

Von Gerd Forcher | …aber auch auf der Straße. Ein philosophisch zweifelhafter Beitrag zum Tag der deutschen Einheit und zur hiesigen Asyldebatte.

Während ich darüber brüte, was ich Ihnen diese Woche im Zauberfuchs serviere, höre ich im Radio von den Feierlichkeiten zum „Tag der deutschen Einheit“ am 3. Oktober und dass die Vereinigung Deutschlands nicht ohne den „Mut der Bürger“ (wohl auch der Bürgerinnen) möglich gewesen wäre. Nebenbei – ich bin ja voll interaktiv und multisensorisch auf dem Weg, wenn ich am Laptop sitze, um Ihnen zu schreiben – sehe ich auf Facebook das Posting des Innsbrucker Kabarettisten Markus Kozuh, der sich für „illegale Asylanten“ (vielleicht auch Asylantinnen?) einsetzt, die im Keller seines Wohnblocks von der Polizei aufgegriffen worden sind.

Nun, werden Sie sagen, ist ja ganz nett, wenn der Forcher von seinen medialen Eindrücken erzählt, aber wann kommt er endlich zur Philosophie? Jetzt! Beide geschilderten Vorgänge haben gesellschaftliche Auswirkungen und beide könnten unter den Begriff „Zivilcourage“ fallen. Nun habe ich das Problem, dass „Zivilcourage“ kein zentraler philosophischer Begriff ist, aber dennoch viele philosophische Themen wie Ethik, Menschen- und Weltbild, Handlungstheorien und politische Philosophie berührt (das merke ich zurzeit auch in einem Kurs an der Volkshochschule, wo es um philosophische Zugänge eben zum Bereich „Zivilcourage“ geht).

Im Fall der deutschen Einheit wurde vom „Mut der Bürger“ gesprochen, französisch „courage civique“. Im Fall des Kabarettisten ist es der „Mut eines Einzelnen“ und hätte im Französischen die Entsprechung in „courage civil“. Zwei ähnliche Ausdrücke aus dem 19. Jahrhundert, die im Deutschen allerdings unter dem einen Wort „Zivilcourage“ laufen. Was verbindet die beiden Arten von Zivilcourage? Was macht Zivilcourage überhaupt aus?

In dem schon oben erwähnten Kurs haben wir versucht, Kriterien zu finden, die eine zivilcouragierte Handlung ausmachen, unabhängig davon, ob es „BürgerInnenmut“ einzelner oder einer ganzen Gruppe ist. Unter anderem kam dabei heraus, dass es sich üblicherweise um mehr als zwei Beteiligte handelt und in jedem Fall Öffentlichkeit besitzt. Das Aufstehen vieler Gruppen im Osten Deutschlands (1. Beteiligte) führte zu einem friedlichen Widerstand gegen die „Staatsgewalt“ (2. Beteiligte) und damit zu befreienden Fortschritt für alle BürgerInnen (3. Beteiligte). Der Kabarettist (1. Beteiligte) unterstützt AsylwerberInnen (2. Beteiligte) gegen Vorurteile von MitbewohnerInnen (3. Beteiligte). Sie können das auch mit anderen Beispielen durchspielen.

Lebenswert

Das ist allerdings noch kein hinreichendes Kriterium. Es genügt also noch nicht, damit wir von „Zivilcourage“ reden können. Es geht auch darum, dass einem Schwächeren in einer Notsituation oder Gefahr eine angemessene Hilfestellung zuteil wird und die zivilcouragierte Person auch negative Konsequenzen für sich in Kauf nimmt (die natürlich nicht eintreten müssen). Es ist ein Einsatz zumindest auch für andere. In Deutschland half der Gang auf die Straße freilich den engagierten Gruppierungen, er war aber auch ein Sprachrohr für die, die nicht auf die Straße gingen.

Und zur Zivilcourage gehört auch, dass ich mich mit meiner Meinung gegen andere Beteiligte stelle, d.h. Zivilcourage hat auch immer damit zu tun, dass ich öffentlich Stellung beziehen muss. Wenn ich einer Bettlerin in der Maria-Theresien-Straße einen Euro in den Becher schmeiße, ist das noch keine zivilcouragierte Handlung. Wenn aber durch mediale und politische Hetze gegen das „Bettlerunwesen“ die Bettlerin von ihrem Platz vertrieben wird und ich in dem Fall dennoch hingehe und einen Euro in ihren Becher lege, kann durch die neue Situation meine Handlung eine Stellungnahme gegen diese Hetze sein und unter Umständen Zivilcourage erfordern. Es kommen also auch Umstände dazu, die eine Handlung einmal zivilcouragiert sein lassen und ein andermal nicht.

Letztlich wird es auch darauf ankommen, welche Werte und Haltungen mich zu einer zivilcouragierten Handlung führen. Auch hier wird es philosophisch, weil sich meine Welt- und Menschenbilder, die ich in mir trage, immer in Haltungen ausdrücken. Der griechische Philosoph Aristoteles hat eine bestimmte Art von Haltungen als „Tugenden“ bezeichnet, die wir uns durch Einüben erwerben können – bis sie uns in Fleisch und Blut übergehen. Zu den vier wichtigsten Tugenden (den sogenannten „Kardinaltugenden“, obwohl sie mit der Kirche nichts zu tun haben) zählt auch – der Mut, die Tapferkeit! Es hat allerdings über 2000 Jahre gedauert, bis der Begriff „Mut“ mit „zivil“ in Verbindung gebracht und nicht nur als Mut im Kampf und in der Schlacht gesehen wurde.

Zugegeben, die Philosophie nimmt das Wort „Zivilcourage“ praktisch nie in den nicht vorhandenen Mund. Die Tragweite eines zivilcouragierten Handelns führt jedoch zu vielen Fragen, die philosophisch relevant sind – bis hin zur Frage, wie Zivilcourage in meinem Leben eine Grundhaltung werden kann. Die Nachrichten im Radio sind jetzt längst vorbei, Facebook zeigt schon wieder neue Postings, aber die letzte Frage beschäftigt mich noch weiter.