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punktierte Linie

Herbst
des Wissens

Von Gerd Forcher | Was Wikipedia und Google nicht wissen.

Herbst – nicht nur die Bäume verfärben sich, für Eltern heißt das auch: Die Schule beginnt wieder! Wir haben drei Kinder, die in ihren Schulen gestartet sind, eines davon in der ersten Klasse. Ich selbst habe auch zu unterrichten begonnen. Wie lange wird es dauern, bis auch die üblichen Bildungsdebatten, Diskussionen um PISA-Test und um Schulsysteme wieder losbrechen?
Vielleicht bedeutet Herbst für Sie auch ähnliches, weil Sie LehrerIn, Eltern, SchülerIn oder StudentIn sind. Deshalb erlaube ich mir hier und jetzt zu fragen: Was soll denn eigentlich in Schule und Studium vermittelt werden? „Wissen“ könnte Ihre spontane Antwort sein. „Ja“, sage ich dann, „sicher ein wichtiger Bestandteil. Aber: Was ist für Sie ‚Wissen’?“

Sie werden dann möglicherweise mit den Schultern zucken: „Wissen halt. Müssen Philosophinnen und Philosophen selbst die gängigsten Begriffe in Frage stellen?“ Gleichzeitig merken Sie, dass ein so oft verwendetes Wort wie „Wissen“ tatsächlich nicht einfach zu definieren ist. Kann es sein, dass genau das ein Problem unserer Bildungspolitik ist: Es soll Wissen vermittelt werden, aber niemand weiß, wie man es definiert?

Kramen wir einmal ganz weit in der Vergangenheit: Platon hat in seinem Werk „Theaitetos“ Wissen als „gerechtfertigte wahre Meinung“ definiert. Der Witz bei der Definition ist, dass jedes Wort der Definition wieder viele Bedeutungen haben kann und dass gerade „wahr“ nicht heißt, dass das Wissen wirklich wahr sein muss. Ein Beispiel: Die Stellung der Erde im All. Früher glaubte man zu wissen, dass die Erde eine flache Scheibe ist und sich alle Gestirne um sie drehen. Man konnte das scheinbar begründen und als wahr ansehen – also eine gerechtfertigte wahre Meinung. Heute „weiß“ man etwas anderes. Übrigens suggeriert das Wort „Wissen“, dass es um Fakten geht, die so sind wie sie sind (im Gegensatz zu „Glauben“ oder „Meinung“). Und es ist auch von seiner Herkunft her verwandt mit dem Lateinischen „videre“ – sehen! Und was ich mit eigenen Augen gesehen habe, kann mir niemand streitig machen, oder? Ein gewisser Herr Gettier hat aber das auch wieder in Frage gestellt.

Das ist noch nicht der Kern dessen, was in Schulen und Universitäten als Wissen vermittelt werden soll. SoziologInnen und PhilosophInnen wie Max Weber und Jürgen Habermas haben Wissen als einen Sammelbegriff definiert für allgemein verfügbare Orientierungen im Alltag und in der Wissenschaft.

Lebenswert

Also geht es beim Wissen um Orientierungen. Und die Bereiche, in denen Wissen gefragt ist, führen zu unterschiedlichen Arten des Wissens: Geht es um das Beherrschen von Prozessen, spricht man von technischem oder funktionalem Wissen. Geht es um eine kulturelle Orientierung, ist es Bildungswissen. Geht es um Werte und Ziele, kann von emanzipatorischem Wissen geredet werden. Immer ist es eine Orientierung und führt dazu, in Kontexten Fähigkeiten zu entwickeln.

Na, habe ich da nicht viel Wissen in die paar Zeilen gepackt? Wie, was Sie damit anfangen sollen? Was Ihnen die Information nützt? Information? Wie kommen Sie darauf, dass Wissen dasselbe ist wie Information? Davon war doch nie die Rede! Und tatsächlich: Hier kommen wir auf einen wesentlichen Punkt der Bildungsdebatte: Wird heute Wissen oder Information vermittelt? Denn Information ist eine Ansammlung von nicht verarbeiteten Daten. Wir leben im Informationszeitalter. Die „IT“ – „Informationstechnologie“ – begegnet uns Schritt auf Tritt. Will ich wissen, wie das Wetter draußen ist, brauche ich nicht vor die Tür zu gehen – ich rufe das aktuelle Wetter mit dem Wetter-App am Smartphone ab (beachten Sie bitte: „das Wetter abrufen“). Wenn Sie etwas über den oben erwähnten „Gettier“ etwas erfahren wollen oder sich verge-wissern (!) wollen, ob ich hier nicht nur Nonsens schreibe, ja, dann „googeln“ Sie halt im Netz. „Googeln“ ist zum Synonym für „Wissenserwerb“ geworden. Doch es ist nichts anderes als Daten abrufen. Und ich weiß nicht einmal, ob dann der Wikipedia-Artikel, den ich finde, tatsächlich eine „ gerechtfertigte wahre Meinung“ – also Wissen – ist. Selbst die Wikipedia-Gründer warnen davor, alles aus Wikipedia als bare Münze zu nehmen (steht zumindest auf Wikipedia).

Möglicherweise zeigt mir die Unterscheidung von „Wissen“ und „Information“, dass uns oftmals als Wissen verkauft wird, was eigentlich nur Information ist. Erst wenn ich Information in einen komplexeren Zusammenhang stellen kann, wenn sich daraus und durch eigenständiges Denken Orientierung und Kompetenzen ergeben, dann kann ich von Wissen reden. Ob das in einem PISA-Test erhoben werden kann, weiß ich nicht. Aber ich weiß, dass ich meinen Kindern wünsche, dass sie Zusammenhänge erfassen, Orientierung für ihr Leben gewinnen und selbstständig denken lernen. Das wünsche ich mir aber auch selbst – und auch Ihnen – über diesen Herbst hinaus.