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punktierte Linie

Der Mensch
ist zweck-los

Von Gerd Forcher | Den Menschen an sich sein lassen, wie er ist: Menschenwürde bleibt eine Idealvorstellung.

Am 19. September erhält im Rahmen des Philosophicums Lech Peter Bieri den „Tractatus-Preis“. „Schön für ihn“, denken Sie sich nun vielleicht, „aber wer ist Herr Bieri? Was ist das Philosophicum Lech? Und was interessiert mich der Tractatus-Preis?“

Peter Bieri sagt Ihnen vielleicht mehr, wenn ich Ihnen erzähle, dass er unter dem Pseudonym Pascal Mercier den Roman „Nachtzug nach Lissabon“ geschrieben hat, der 2013 verfilmt worden ist. Bieri ist nicht nur Romanautor, sondern auch Philosoph. Und beim Philosophicum Lech – ein Philosophiesymposium, das jährlich Anfang Herbst in Lech am Arlberg stattfindet – wird für philosophische Bücher ein Preis vergeben, eben der „Tractatus-Preis“. Und warum sollte Sie das nun interessieren? Nun, einerseits ist das ein aktuelles Ereignis in unserer Nähe, das Philosophie einmal medial greifbar macht. Andererseits kann ich Peter Bieri nur empfehlen als einen Philosophen, der seine Gedanken nachvollziehbar und damit für den eigenen Alltag brauchbar aufschreibt. Er kann Ihnen eine wahre Lebenshilfe sein.

Und die Frage, die er in dem preisdotierten Buch behandelt, ist eine zentrale. Sie klingt im Buchtitel an: „Eine Art zu leben. Über die Vielfalt menschlicher Würde.“ Ich benutze die Kolumne nicht als Ort für eine Buchrezension. Ich lade Sie ein, Bieri selbst einmal zu lesen. Ich nehme aber das Thema der menschlichen Würde auf, weil ich glaube, dass das Wort oft so abstrakt verwendet wird und der Sache nach doch unseren Alltag prägt. Freilich: Was heißt: „Würde“? Wann beginnt sie? Was umfasst sie? Darüber könnte ich noch viele Kolumnen schreiben. Das lass ich aber bleiben und versuche vielmehr, gemeinsam mit Ihnen herauszufinden, wo wir im alltäglichen Leben die Würde finden (oder auch nicht) und wie wir damit umgehen.

„Das ist ja menschenunwürdig!“ rufen wir gleich, wenn wir von desolaten Verhältnissen erfahren, in denen Menschen leben müssen. Oder wenn wir von Ungerechtigkeiten, Folterungen oder sonstigen Situationen erfahren, die für Menschen schmerzlich oder unerträglich sind. Egal, ob es menschliche Würde „objektiv“ gibt oder nicht, wir merken oft intuitiv, dass Menschen im Umgang miteinander so etwas wie die „Würde“ verletzen. Das kann manchmal nur in der Wortwahl dem anderen gegenüber sein, das kann aber bis hin zu

Lebenswert

Tötungsvideos gehen, die Terroristen zur Demütigung Andersdenkender öffentlich machen. Wie menschliche Würde verletzt wird – da fallen uns allen wohl schnell Beispiele ein.

Dass der Umgang mit menschlicher Würde auch kontrovers sein kann, merken wir in Situationen, wo offenbar Menschenwürde gegen Menschenwürde steht. Wie steht es in den immer wieder aufflammenden Abtreibungsdebatten um die Würde der Frau, die nicht will, dass andere über ihren Körper bestimmen? Und wie steht es in derselben Debatte um die Würde des ungeborenen Kindes, dessen Leben auf dem Spiel steht? Der Begriff „menschliche Würde“ ist nicht in einer Kolumne erschöpfend zu behandeln. Sie spüren schon, wie emotional beladen und wie vielfältig das Thema ist. Und sie nehmen vielleicht auch wahr, dass gerade dann, wenn die Würde fehlt, diese am meisten Thema ist!

Immanuel Kant benennt den Menschen als „Zweck an sich“. Damit meint er, dass der Mensch nie nur Mittel zu einem anderen Zweck sein darf: Kein Mittel für Religionen, Ideologien und Regime. Der Mensch steht für sich. Und in Beziehungen zu anderen Menschen möchte der Mensch als Mensch, wie er ist, wahr- und angenommen werden. Diese Konsequenzen sehe ich im Ansatz von Kant. Und ich sehe damit auch umrissen, was menschliche Würde ausmacht: Der Mensch darf so sein, wie er ist. Kein anderer Mensch hat das Recht, daran etwas zu ändern. Und freilich weiß ich, dass ich damit ein Ideal benenne, das es so in der Realität nicht gibt. Denn bereits in einem zwischenmenschlichen Konflikt wird schnell die menschliche Würde verletzt. Oder im Arbeitsbereich, wenn Kolleginnen und Kollegen gemobbt werden. Oder wenn Menschen aufgrund ihrer Herkunft oder geschlechtlichen Orientierung diskriminiert und ausgegrenzt werden.

Ich kann aus meiner philosophischen Perspektive nur versuchen, eine Haltung zu entwickeln, die es anderen möglich macht, in meiner Nähe so sein zu können, wie sie sind. Und ich kann versuchen, immer neu mein eigenes Welt- und Menschenbild zu reflektieren. Und diese Haltung führt mich hoffentlich auch zum Handeln, wenn ich merke, dass Menschen verzweckt werden oder nicht ihr Menschsein leben können. Das führt mich dann übrigens zu einem neuen philosophischen Thema: Zivilcourage – aber davon ein andermal.