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Da kann man halt nix machen!

Von Gerd Forcher | Oder kann man vielleicht doch? Überlegungen zur menschlichen Freiheit.

Fühlen Sie sich eigentlich frei? Wie, Sie sind jetzt von dieser Frage überrascht? Wie ich das meine? Ja, Sie haben recht: Eine verwirrende Frage. Und ich verpacke da tatsächlich mehrere Themen in der einen Frage: 1. Ist Freiheit nur ein „Gefühl von Freisein“? 2. Kann Freiheit erfahren werden? 3. Was ist Freiheit? In einer kurzen Kolumne werde ich das ganze Spektrum sicher nicht abhandeln können, aber zumindest möchte ich Sie anregen, einmal über unsere Freiheit nachzudenken (wenn es denn eine gibt!).

Fangen wir vielleicht bei der dritten Frage an: Was ist Freiheit? Es geht jedenfalls einmal um unsere Freiheit – um menschliche Freiheit. Und die Philosophie unterscheidet dabei Willensfreiheit und Handlungsfreiheit, will heißen: Wenn ich nicht nur den Wunsch, sondern auch den Willen habe, etwas zu tun, dann besteht Willensfreiheit. Ob die Handlung verwirklicht werden kann, bestimmt die Handlungsfreiheit. In ihr hätte ein Mensch so oder auch ganz anders handeln können – und zwar real. Es gibt in der Handlungsfreiheit also Spielräume möglicher Handlungen.

Damit habe ich Ihnen jetzt einfach einmal eine Möglichkeit aufgezeigt, was die Philosophinnen und Philosophen unter Freiheit verstehen bzw. wie sie da auch noch unterscheiden. Schwierig wird es jetzt: Ja, erfahren wir dann überhaupt Freiheit? Willensfreiheit vielleicht schon: Ich will eine Gehaltserhöhung. Kann ich ja einmal wollen. Oder ich will Urlaub auf den Seychellen machen. Oder ich will einen neuen Flachbildfernseher kaufen.

Aber wie schaut es mit der tatsächlichen Ausführung des Gewollten aus? Flachbildfernseher ist ja noch im Bereich des Möglichen. Für die Seychellen braucht es schon ein paar mehr Bedingungen, um das Ziel zu erreichen. Und Gehaltserhöhung …? Ja, da kann ich mich schon frei fühlen – das nützt mir aber gar nix, wenn ich nicht tatsächlich frei handeln kann, oder? Und hier gehen die Meinungen schon auseinander: Die einen sagen: Wir Menschen sind gar nicht frei – wir sind nur Getriebene und abhängig von Situationen, anderen Menschen und und und. Andere meinen wieder: Stimmt nicht! Allein unsere Fähigkeit,

Lebenswert

willentlich entscheiden zu können bedeutet schon, dass wir frei sind.

Hier mischt sich die erste Frage mit rein: Also gibt es doch nur das „Gefühl von Freisein“? Wollen Sie meine Meinung dazu lesen? (Aha: Hier entscheiden Sie selbst frei, ob Sie weiterlesen oder nicht!) Und damit erahnen Sie schon, in welche Richtung ich tendiere: Wir Menschen sind zumindest im Willen frei, oft auch in den Handlungen. Wieso komme ich zu der Meinung? Weil ich es einerseits so erlebe: Wenn ich Situationen anschaue, in denen ich mich befinde, stelle ich oft fest: Meine bisherigen Entscheidungen haben mich hierher geführt. Und da kann ich nicht sagen: Wegen X oder Y ist mir das halt so passiert. Ich habe mich – reiflich überlegt oder nicht – oft selbst in eine gewisse Situation gebracht und mich so und so zu den Umständen verhalten. Und ich komme andererseits zu dieser Meinung, weil ich mir nicht selbst die Chance verbauen will, mein Leben in die Hand zu nehmen.

Hier wird die philosophische Theorie der Freiheit eine handfeste Lebenshilfe: Überall dort, wo ich mich fremdbestimmt und unfrei fühle (oder sollte ich besser sagen: erfahre?), erlebe ich mich als Opfer und handlungsunfähig: Da kann man halt nix machen! Und immer dann, wenn ich sage: „das habe ich aus eigener Freiheit heraus gemacht“, schaffe ich mir selbst Spielräume und werde nicht zum traurigen Opfer. Hier wird eine philosophische Überlegung zu einer Lebenshaltung und sogar zu einem Stück Anleitung, das eigene Leben in die Hand zu nehmen.

Freilich werde ich draufkommen, dass ich damit nicht einfach tun und lassen kann, was ich will, aber ich merke, dass Freiheit darin besteht, mich Gegebenheiten gegenüber zu verhalten. Wenn ich frei bin, kann ich auch Verantwortung übernehmen (unser gesamtes Rechtssystem baut darauf auf!). Wenn ich frei bin, muss ich mir zweimal überlegen, ob ich Opfer sein will. Aldous Huxley hat es einmal so formuliert: „Was du bist, hängt von drei Faktoren ab: Was du geerbt hast, was deine Umgebung aus dir machte und was du in freier Wahl aus deiner Umgebung und deinem Erbe gemacht hast.“ Na dann …