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punktierte Linie

Zeitmanagement, die Zweite

Von Gerd Forcher | Über den Duft der Zeit und einen Hauch von Ewigkeit.

Fein, dass Sie sich wieder die Zeit nehmen! Übrigens: Haben Sie eine Antwort gefunden, was für Sie Zeit bedeutet? Nun ja, Sie haben ja noch Zeit … In der Zwischen-Zeit stelle ich Ihnen den versprochenen Gedanken Numero Zwei zum Thema „Zeit“ vor. Dieser Gedanke hilft Ihnen vielleicht auch, Ihr Zeit-Gefühl einmal zu überdenken.

Wir Europäerinnen und Europäer sind es ja gewohnt, die Zeit zu messen. Dadurch haben wir uns viele Vorteile erworben – wie Stress, das Gefühl, immer zu spät zu kommen, Arbeits-Zeiten und Zeitmanagementseminare. Spätestens seit es die Eisenbahn gibt, die nach einem Fahrplan fährt (der eigentlich Zeit-Fahrplan heißen müsste), schauen wir ständig auf irgendwelche Uhren. Klar, wer verpasst schon gerne den einzigen Zug in der Woche von New York nach San Francisco – werden sich im 19. Jahrhundert manche Amerikaner gedacht haben. Dadurch wurde Zeit plötzlich zu einem gesellschaftlichen Thema. Und Zeitmessung wurde ein Wirtschaftsfaktor. Wer kennt nicht den Spruch: „Zeit ist Geld“? Die Zeitmessung wurde sogar immer ausgefeilter: von Pendeluhren über Uhren mit Zahnrädern bis hin zur Atomuhr, die sogar misst, dass die Erde nicht gleichmäßig und konstant rotiert.

So exakt geht es in unserem Alltag vielleicht doch noch nicht zu, aber haben Sie nicht manchmal den Eindruck, die Zeit fließt dahin? Allüberall gibt es Uhren, Termine und Zeitpläne. Es scheint, als ob alles von der Zeitmessung abhinge. Nur keinen Termin verpassen! Die Lieferung muss heute noch raus! Du verpasst noch den Bus! Der nächste fährt erst in einer Viertelstunde! Sieg und Niederlage im Sport liegen oft nur hundertstel Sekunden voneinander entfernt.

Nach diesen niederschmetternden Erkenntnissen komme ich endlich zu meinem philosophischen Gedanken – Zeit wird’s! Können wir uns überhaupt noch eine andere Form der Zeiterfassung vorstellen, die diesen ganzen Druck rausnehmen kann? Ist unsere Zeitmessung die einzige Möglichkeit, Zeit zu erfahren?

Einer meiner Lieblingsphilosophen (von dem müssen Sie einmal ein Buch lesen; meistens sind sie eh recht dünn) hat mich wissen lassen: Es gibt

Lebenswert

noch andere Zeiterfahrungen! Der Philosoph heißt Byung-Chul Han, ist Koreaner, Buddhismus- und Heidegger-Kenner und doziert derzeit in Berlin – also äußerst zeit-genössisch! Und sein Wissen über Zeit hat er in dem Essay mit dem sinnigen Titel „Duft der Zeit“ veröffentlicht.

Darin beschreibt er eine andere Art der Uhr, wie sie in China über Jahrhunderte verwendet wurde. Sie war als Zeitmesser so anders, dass wir Europäer bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts glaubten, es sei ein Räuchergefäß. Ja, Sie haben richtig gelesen: Räuchergefäß. Es trägt den klingenden Namen hsiang yin, was übersetzt „Duftsiegel“ bedeutet. Die Idee ist einfach: Ein Schriftbild aus Weihrauch wird in einer Art Gefäß abgebrannt. Das Abbrennen dauert einen gewissen Zeitraum. So weit, so gut. Das unterscheidet die chinesische Zeitmessung noch nicht von unserer. Der Unterschied besteht im verbleibenden Weihrauchduft, der über das Abbrennen hinaus den Raum erfüllt. Zeit wird mit hsiang yin räumlich, wird sinnlich wahrnehmbar und bleibt – über das Maß der der Zeit hinaus – als Zeit erhalten. Die Zeiterfahrung überschreitet durch diesen „Duft der Zeit“ das starr punktuelle Messen von Zeiten. Ein Hauch des Ewigen wird damit ausgedrückt.

Han verwendet das Beispiel der Weihrauchuhr, um darauf hinzuweisen, dass wir Zeit nicht nur rasch veränderlich und flüchtig erleben können, sondern dass wir es wieder wagen sollen, zu verweilen. Ja, verweilen – ein Wort das schon fast aus unserem Wortschatz verschwunden ist. Es geht nicht einmal um das berühmte „Entschleunigen“.

Vielmehr haben wir scheinbar verlernt, die Dauer der Zeit wahrzunehmen. Heidegger – um diesen Philosophen auch gleich reinzunehmen – hat wiederum vom „Duft des Eichenholzes“ gesprochen. Zeit kann ich riechen! Gehen Sie einmal aufmerksam durch den Wald. Wir waren vor Kurzem mit den Kindern im „Kugelwald“ oberhalb von Tulfes bei der Halsmarter. Dort gibt es für die Kinder eine Landschaft von Holzkugelbahnen und ein Baumhaus, alles aus Zirbenholz. Man kann sich von diesem Zirbenduft im Haus fast nicht mehr lösen. Da wurde mir bewusst, dass der Duft der Zeit zum Verweilen einlädt. Probieren Sie es doch auch einmal aus: im Duft der Zeit zu verweilen. Vielleicht relativiert das so manch andere Zeitmessung.