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Zeitmanagement auf Philosophisch

Von Gerd Forcher | Zeit ist eines der wenigen Dinge in der Welt, die vollkommen gerecht verteilt sind.

„Was also ist die Zeit? Wenn niemand mich danach fragt, weiß ich es. Will ich es aber einem Fragenden erklären, weiß ich es nicht.“ Dieses Zitat stammt nicht aus einem Zeitmanagement-Buch. Und auch nicht von einer zeitgenössischen Denkerin. Es ist aus dem 4. nachchristlichen Jahrhundert und steht im elften Buch der „Bekenntnisse“ des nordafrikanischen Bischofs Augustinus. Es könnten aber Worte des 21. Jahrhunderts sein. Und wir könnten dem wahrscheinlich zustimmen: Wir reden viel von Zeit und leben in der Zeit. Aber könnten wir mehr sagen, als dass Zeit messbar ist? Könnten wir mehr sagen als: Zeit ist das, wovon ich meist zu wenig habe?

Und da ist sie schon: Meine philosophische Frage an Sie. Kann es tatsächlich sein, dass jemand „keine“ oder „zu wenig“ Zeit hat? Ich ertappe mich dabei, dass ich meinen Kindern gegenüber nicht selten diese Floskel verwende, wenn sie in einem mir nicht genehmen Moment meine Aufmerksamkeit wollen: „Ich hab jetzt keine Zeit!“ Oder wenn etwas Unangenehmes ansteht: „Nein, hab keine Zeit!“ Oder wenn ich so etwas wie Stress verspüre: „Keine Zeit!“

Gehe ich auf das Messbare an der Zeit zurück, dann muss ich aber gestehen: Uns allen sind täglich 24 Stunden Zeit gegeben, siebenmal die Woche, 365 oder sogar 366 Tage im Jahr. Und doch haben wir oft keine oder zu wenig Zeit. Da fragt der Philosoph in mir weiter: Ja wofür habe ich keine Zeit? Was heißt es, keine Zeit zu haben? Gerade jetzt im Sommer, wo viele von uns sich die Zeit für Urlaub nehmen oder zwischendurch freie Tage einschieben, darf ich diese Fragen ungeschützt stellen – und Sie bitten, sich dafür ein wenig Zeit zu nehmen.

Wofür habe ich also keine Zeit? Bei mir sind es oft Dinge, die ich nicht für sehr wesentlich oder wichtig erachte. Und „keine Zeit haben“ steht für mich für: Ich möchte mir dafür keine Zeit nehmen. Auch wenn ich sie habe. Damit ist klar: Zeit nehme ich mir für Dinge, die ich als wichtig erachte.

Noch etwas ist mir dabei aufgefallen: Ich kann das Ganze auch von der anderen Seite anschauen. Sie kennen diese inneren Dialoge vielleicht auch: „Ja, ich möchte jetzt viel lieber …“ oder „Ja, wenn ich die Zeit hätte, aber …“ Wir wünschen uns manchmal für

Lebenswert

ganz anderes die Zeit zu haben, verwenden die Zeit aber tatsächlich für das, was wir anscheinend als wichtig erachten. „Ich hab jetzt keine Zeit, weil ich den Artikel fertig schreiben muss.“ (Achten Sie auf das „muss“!) Wenn ich es nun von einem anderen Blickwinkel aus betrachte, heißt das wohl: Ich erachte das, was ich gerade tue, als nicht nur wichtig, es ergibt für mich auch mehr Sinn als das, was ich angeblich gerne machen würde.

Und nun kann ich dem einmal nachgehen: Warum sollte das andere für mich mehr Sinn haben? Vielleicht nehme ich mir nicht die Zeit für eine Bergtour, weil es mir im Grunde doch zu mühsam ist, eine Route auszusuchen, alles zu packen und ständig bergauf zu gehen. Vielleicht habe ich keine Zeit für die Kinder, weil ich als Kind auch nicht gerne gespielt habe. Vielleicht nehme ich mir die Zeit für Überstunden, weil ich nicht wirklich weiß, was ich mit meiner Freizeit anfangen soll …

Ja, was heißt dann: keine Zeit haben? Es ist vielleicht nur eine Metapher dafür, dass ich mich für andere Prioritäten entschieden habe. Damit aber niemand (selbst ich selbst nicht) merkt, dass ich selbst so entschieden habe, bin ich das Opfer der Zeit geworden: Wenn ich mehr Zeit hätte, könnte ich … Wie gesagt: Wir alle haben 24 Stunden täglich Zeit. Das ist eines der wenigen Dinge in der Welt, die gerecht verteilt sind. Der römische Dichter Horaz, wieder so ein Antiker, hatte dafür die Formel: „Carpe diem!“ Das kann übersetzt werden mit „Nutze den Tag!“ oder „Genieße den Tag!“ Beides zusammen drückt das aus: Nimm dir bewusst die Zeit für das, was dir wichtig ist. Oder: Leite aus dem, was du tust, ab, was dir im Leben tatsächlich wichtig ist! Das ist ja auch eine der Aufgaben der Philosophie: Erkenne dich selbst! Wie das geht? Ich schaue zunächst einmal, womit ich meine Zeit tatsächlich verbringe. Und vielleicht ist das, wofür ich gerne Zeit hätte, nur solange erstrebenswert, solange ich es nicht habe.

Einen anderen Gedanken über die Zeit habe ich noch. Da aber die Zeit nun knapp ist (…), werde ich ihn erst in meiner nächsten Kolumne formulieren. Jetzt lasse ich Ihnen einmal die Zeit, sich Gedanken über Ihre persönliche Zeit zu machen. Vielleicht finden Sie auch noch eine andere Antwort als Augustinus. So wünsche ich Ihnen noch eine schöne Zeit. Bis in 14 Tagen!