Lesedauer   Lesedauer – für diesen Text benötigt ein durchschnittlicher Leser 2:55 Minuten  (Erklärung hier)

punktierte Linie

Urlauben
Sie noch…

Von Gerd Forcher | …oder leben Sie schon? Auf der Suche nach der Seelenruhe der Stoiker.

Manche Menschen „sind viel zu beschäftigt, um einmal besser leben zu können, sie richten ihr Leben auf Kosten ihres Lebens ein, sie ordnen ihre Gedanken auf lange Sicht. Tatsächlich ist der größte Verlust des Lebens der Aufschub; … Das größte Hindernis im Leben ist die Erwartung, die vom Morgen abhängig ist und das Heute zerstört …“

Dreimal dürfen Sie raten, von wem diese Worte stammen. Nein, kein Lebenshilfe-Guru; auch kein Antistress-Manager oder Bestseller-Autor in Sachen Selbst-Coaching. Nun, nachdem die denk.pause philosophisch angehaucht ist, werden Sie spätestens jetzt vermuten, dass es ein Philosoph oder eine Philosophin ist. Damit haben Sie schon einmal recht.

Allerdings ist der gute Mann schon gute 1950 Jahre tot und hieß Lucius Annaeus Seneca, seines Zeichens römischer Philosoph und Staatsmann an der Seite Kaiser Neros. Zugegeben, die Erzieher- und Beratertätigkeit am kaiserlichen Hof war nicht gerade das erfolgsreichste Kapitel seiner Karriere. Schließlich musste Seneca auf Geheiß Neros sich selbst töten, und Nero selbst … naja. Allerdings machte er sich als Philosoph der Stoa einen großen Namen. Und heute erlebt er sogar eine gewisse Renaissance. Warum?

Wenn Sie das eingangs angeführte Zitat lesen, können Sie sich vielleicht vorstellen, warum er wieder „in“ ist. Seine antiken Gedanken könnten auch eine Bestandsaufnahme des gehetzten Mitteleuropäers (und freilich auch der gehetzten Mitteleuropäerin) unserer Tage sein, geplagt von Stress, Depression und Burn-Out. Nicht umsonst stammt das Zitat aus Senecas Abhandlung „Von der Kürze des Lebens“. Demnach scheint es schon bei den alten Römern üblich gewesen zu sein „gelebt zu werden“. Damals schon war es schwierig „im Augenblick“ zu leben. Damals schon waren die Leute „busy“, also schwer beschäftigt.

Weshalb ich dieses Mal auf einen antiken Stressphilosophen komme? Es ist ja Urlaubszeit, zumindest treffe ich viele Leute, die urlaubsreif sind. Und ich frage mich, ob die ein, zwei Wochen (manche leisten sich sogar drei bis vier Wochen) Urlaub wirklich zum Energietanken, Genießen und

Lebenswert

Regenerieren da sind. Manche Bekannte erzählen, dass sie bei zwei Wochen Urlaub zehn Tage brauchen, bis sie nicht mehr an die Arbeit denken. Die restlichen vier Tage stehen dafür schon wieder im Schatten des drohenden Arbeitsbeginns. Andere lechzen nach den paar Wochen Urlaub im Jahr und „halten den Rest des Jahres aus“. Da stellt sich mir einfach die Frage, frei nach einem schwedischen Möbelriesen: Urlauben Sie noch oder leben Sie schon? Lucius hat es noch pointierter formuliert: „Nur ein kleiner Teil des Lebens ist es, in dem wir leben. Die ganze übrige Spanne ist nicht Leben, sondern Zeit.“

Das Wort „Urlaub“ leitet sich von „Erlaubnis“ ab. Nehme ich es wörtlich, frage ich mich, was ich mir in der Urlaubszeit wirklich erlaube. Erlaube ich mir, meinen Lebensstil zu hinterfragen? Erlaube ich mir, das Leben – nein: mein Leben als mein Leben zu leben (da ist ja plötzlich viel „leben“ drin)? Schaffe ich es, in fünf (Urlaubs-)Wochen aus dem Hamsterrad der schwindenden Lebensenergie auszusteigen?

Die Stoa, deren Vertreter Seneca war, sprach von der „Seelenruhe“. Durch Gelassenheit erlange ich diese Seelenruhe. Dazu komme ich nur durch einen Perspektivenwechsel, der mich in das Hier und Jetzt blicken lässt. Ja, Sie haben schon wieder recht. Ich gebe zu, dass der heutige philosophische Ausflug fast schon psychologisch-therapeutisch ausgelegt werden kann, aber hier zeigt sich, dass Philosophie tatsächlich was für das Leben sein kann – und nicht nur akademisches Geplänkel. Ich muss ja nicht sofort in die „Seelenruhe“ verfallen. Doch ein anderer, neuer Blick auf mein Leben im Urlaub kann vielleicht ein kleines Wunder bewirken.

Ein anderer Stoiker und auch nicht viel jünger als Lucius, nämlich Epiktet, meinte dazu: „Es sind nicht die Dinge, die uns beunruhigen, sondern die Meinungen, die wir von den Dingen haben.“

Also: Ich nehme mir Seneca mit ins Reisegepäck und überlege mir, wie ich das Urlaubsfeeling auf 365 bzw. 366 Tage im Jahr ausdehnen kann, ohne dass es der Chef merkt, ich aber wieder mehr Lebensqualität und selbstbestimmtes Leben gewinne. Schönen Urlaub noch!