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Aufgelegte Elfer
für Philosophen

Von Gerd Forcher | Über Viererketten, Heterotopien und andere Fremdwörter.

Jetzt muss ich mich wohl outen: Ich bin ein absoluter Fußballmuffel! Vielleicht schau ich mir das Finalspiel der Fußball-WM an. Aber das wird es dann auch schon gewesen sein. „Viererkette“, „Goalie“ und ähnliches sind für mich Fremdwörter. Falls Sie nun sagen: „Typisch weltfremder Philosoph!“, halte ich dagegen: Ich kenne zumindest einen Vollblutphilosophen, der auch Vollblutfußballfan ist.

Mit dieser meiner Außensicht frage ich mich immer wieder: Was macht den Reiz des Fußballs aus? Warum ist Fußball so gefragt, dass sogar massivste Menschenrechtsverletzungen wie in Brasilien, dem Gastgeberland der gegenwärtigen Weltmeisterschaft, in Kauf genommen werden? Und warum gibt es hierzulande keine Live-Übertragungen von Kricket?

Gut, Kricket würde ich mir, ehrlich gesagt, auch nicht anschauen. Aber warum haben wir Menschen anscheinend das Bedürfnis, eigene Welten und Räume zu (er-)finden, die so anders sind als unsere üblichen Alltagsgeschichten? Brauchen wir Orte, die anders „funktionieren“ als unsere gewohnten Umgebungen? Neben Fußballstadien könnte man noch andere Orte abseits des Sports nennen wie Spielplätze, Theaterbühnen, Kinosäle. In der Science Fiction wurden solche anderen Orte, an die die Menschen flüchten können, auf die Spitze getrieben mit den „Holodecks“ auf „Raumschiff Enterprise“.

Michel Foucault, ein französischer Philosoph des 20. Jahrhunderts, hat für diese „anderen Orte“ 1966 (in dem Jahr, als in England die Fußball-WM ausgetragen wurde und England gegen Deutschland das Finale mit 4:2 gewann, Stichwort: Wembley-Tor…) in einem Radiobeitrag einen eigenen Begriff geprägt: „Heterotopien“. Falls sich das für Sie liest wie für mich „Catenaccio“ im Fußball: „Heterotopie“ ist eigentlich ein Begriff aus der Medizin. Foucault hat das Wort in die Philosophie eingeführt und damit – und das bedeutet das griechische Wort – „andere Orte“ gemeint, die anders sind als die gesellschaftlich üblichen. „Heterotopien“ sind also Räume (oder auch Institutionen), die es real eigentlich nicht gibt und die dennoch wirklich sind: Gegenräume, die „anders“ ticken als Gewohntes. Foucault nennt als Beispiele Altenheime, Kasernen, Friedhöfe, Bordelle

Lebenswert

oder auch das elterliche Bett, das für Kinder zum Abenteuerspielplatz wird, bis sie ertappt werden. Alles kann zum „Gegenraum“ werden – muss es aber nicht bleiben. Ja, es sind in gewisser Weise „Spielräume“ und „Freiräume“, aber es können auch Schutz- und Abschieberäume sein. Und – so Foucault – jede Kultur und jede gesellschaftliche Form kennt solche Heterotopien.

Wir Menschen scheinen also tatsächlich Räume zu brauchen, in denen wir unsere Illusionen zur Wirklichkeit werden lassen können. Auch Gärten sind seit jeher solche Heterotopien: In ihnen verwirklichen sich Träume, Lüste, Wachstum, Lebensraum! Der französische Philosoph erwähnt in eben diesem Radiobeitrag von 1966, dass die Orientteppiche ursprünglich ein Abbild der Gärten aus Tausendundeiner Nacht waren, um den „anderen Raum“ in das Haus hereinzuholen. Und damit kann das Bild der „fliegenden Teppiche“ in einem ganz anderen Licht gesehen werden: Mit dem Teppich suche ich „andere Orte“ auf.

Selbst ein Spiegel ist eine Heterotopie: Er zeigt mich in sich, obwohl ich nicht drinnen bin, und spiegelt die Umgebung wider, in der ich mich zwar real befinde, die im Spiegel aber ein nicht wirklicher Raum ist (ich gebe zu, das klingt kompliziert, es durchzudenken lohnt sich aber). Vielleicht ist auch das Innsbrucker Alkoholverbot ein Widerstreit solcher Heterotopien, Und die virtuelle Welt des Internet könnte man vielleicht statt „Cyberspace“ „Heterotopie“ nennen?

Jedenfalls wird mir langsam klar, warum es Fußballstadien gibt: Da wird ein Rasen zu einem Ort des (mehr oder weniger) fairen Wettstreits, zu einem Fest- und Spielraum und vieles mehr. Übrigens ist aus dieser Wortschöpfung inzwischen tatsächlich in Amerika ein Lehrstuhl der Heterotopologie entstanden, der sich mit den Räumen und Gegenräumen auseinandersetzt. In der Architektur wurde der Begriff diskutiert ,und in Berlin gibt es sogar Stadtführungen an die „Heterotopien Berlins“.

PS: Dass sich Fußball und Philosophie nicht ausschließen müssen, zeigt übrigens das legendäre Fußballspiel der Philosophen von Monty Python , gedreht 1972, als Deutschland in Belgien Fußball-Europameister wurde.