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punktierte Linie

Die Sache
mit dem G-Wort

Von Gerd Forcher | Nenn mir den Zusammenhang – und ich sage dir, wovon du sprichst.

„Die heutige Gesellschaft hat…“ Die Gesellschaft ist schuld an …“ „Als Spiegel der Gesellschaft von heute ….“ Haben Sie schon einmal bemerkt, wie oft der Begriff „Gesellschaft“ in unserem Wortschatz, in den Medien und an Stammtischen auftaucht, nicht nur wenn es um Gesellschaftsanalysen, Gesellschaftsentwicklungen (da ist wieder dieses G-Wort!) und ähnliche Erklärungen von Zeitphänomenen geht?

Ich habe mich unlängst gefragt, was denn eigentlich diese „Gesellschaft“ ist. Der Begriff selbst taucht ja erst im 18. Jahrhundert auf – ist also relativ jung. Und er bekommt erst Bedeutung durch das aufstrebende Bürgertum und die Aufklärung, die sich von monarchisch-hierarchischen Vorgaben unterscheiden möchte. Das deutsche Wort „Gesellschaft“ hat einen Bezug zum Wort „Saal“ („Ge-Saal-schaft“) und beschreibt damit eine Menschengruppe, die sich in einem Saal versammelt, um gemeinsam etwas zu tun oder zu entscheiden.

Aber wenn ich auf der Innsbrucker Maria-Theresien-Straße durch das Menschengewühl flaniere, frage ich mich: Ist das unsere „heutige Gesellschaft“? Die Musikkapelle, die vor der Rathausgalerie Aufstellung nimmt? Die Touristen in den Gastgärten? Die jungen und weniger jungen Menschen, die bei der Annasäule sitzen und (keinen) Alkohol trinken? Irgendwie sollte „die Gesellschaft“ einerseits aus einem menschlichen Kollektiv bestehen, andererseits begegne ich im öffentlichen Raum unterschiedlichsten Individuen und Gruppierungen, die ich nicht als „Gesellschaft“ bezeichnen würde.

Wenn ich allerdings die bekannten Wortverbindungen „Konsumgesellschaft“, Risikogesellschaft“, „Erlebnisgesellschaft“ hernehme, dann finde ich in der Maria-Theresien-Straße freilich viele Geschäfte und Cafés und denke mir: Also doch eine Konsumgesellschaft! Ein paar Radfahrerinnen, die das Risiko auf sich nehmen, beim Durchfahren einen Strafzettel zu kassieren – also doch eine Risikogesellschaft! Ein paar Leute,

Lebenswert

die einem Straßenkünstler beim Jonglieren zuschauen – also doch eine Erlebnisgesellschaft!

Ach, irgendwie passt das nicht zum G-Wort! Meine Wahrnehmung ist immer auf einzelne Aspekte der Wirklichkeit eingeschränkt. Auch wenn ich von „Gesellschaft“ spreche. Kaum bin ich aus der Stadt draußen und gehe auf einem Wanderweg oberhalb von Innsbruck, treffe ich wieder andere Menschen oder vielleicht sogar manchmal dieselben – aber in einem anderen Zusammenhang! Da müsste ich wohl wieder von einer ganz anderen Gesellschaft reden (Wandergesellschaft?).

Der Bonner Philosoph Markus Gabriel würde wohl folgendes annehmen: Es gibt „Gesellschaft“ immer in dem Kontext, in dem ich den Begriff gebrauche. Wenn ich behaupte, wir leben in einer Konsumgesellschaft, dann ist der Zusammenhang möglicherweise nur ein Deutungsversuch meiner Wirklichkeit. Und der Satz „Wir leben in einer Erlebnisgesellschaft.“ ist keine Aussage über eine objektive Wirklichkeit, sondern eine versteckte Argumentation: „Das und das passiert, weil wir eine Erlebnisgesellschaft sind.“ Und damit beschreibe ich vielleicht Tendenzen, die wahrnehmbar sind (zumindest in der Innsbrucker Maria-Theresien-Straße).

Sollten wir das Wort „Gesellschaft“ also lieber aus unserem Vokabular streichen? Trotz meiner Vorbemerkungen lautet die Antwort „nein“. Denn eine philosophische Betrachtung möchte zunächst Begriffe klären, die wir im Alltag so dahinsagen. Philosophie kann einen bewussteren Umgang mit Worten fördern. Also kann ich gerne von „Gesellschaft“ reden und gleichzeitig daran denken, den Begriff differenzierter zu verwenden: Ist er jetzt in diesem Zusammenhang ein Platzhalter für etwas anderes (z.B. für eine Ansicht oder ein Argument)? In welchem Kontext spreche ich über Gesellschaft? Das Tolle daran: Diese Fragen kann ich nicht nur beim G-Wort, sondern auch bei jedem anderen Begriff anwenden, der sich so herrlich für Pauschalierungen eignet: „die Politik“, „die Welt“, „die Ausländer“ …