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punktierte Linie

Philosophie
für den Alltag

Von Gerd Forcher | Vor dem Reden nachzudenken, ist selten ein Fehler.

Oha, Sie sind noch hier? Sie haben sich vom Wort „Philosophie“ nicht abschrecken lassen? Sie sind ganz schön mutig! Aber vielleicht hat der Zusatz „für den Alltag“ (so etwas hat ja schließlich jeder von uns) Ihre Neugierde stärker sein lassen als den Fluchtreflex: „Eh nix für mi!“

Nachdem wir jetzt gemeinsam diese Einstiegshürde überwunden haben, wird es Sie nicht mehr schockieren, dass ich meinen Einstand als philosophischer Praktiker mit einem Plädoyer für die Philosophie begehen möchte. Nicht für die Philosophie, die im wissenschaftlichen Reagenzglas vegetiert, sondern für das Philosophieren, wie es schon unsere antiken Vor-Denker verstanden haben: eine Philosophie, die auf dem Marktplatz zu Hause ist und die unser aller Alltagsleben nicht nur herausfordert, sondern vor allem auch bereichert.

Sokrates und Co. haben zuallererst Fragen an Leute wie dich und mich gerichtet. Fragen, die aus den täglichen Situationen genommen wurden. Sokrates verglich sein Philosophieren mit einer urmenschlichen Tätigkeit, nämlich jener der Hebamme („Mäeutik“ ). Er verstand sich gleichsam als Geburtshelfer für die Gedanken und das Denken seiner Dialogpartner (Dialogpartnerinnen waren in der antiken Literatur nicht gerade überrepräsentiert). Sokrates zeigte, dass wir grundsätzlich weniger wissen, als wir selbst glauben. Und dass an jedem Anfang die Frage steht, nicht die Antwort.

Damit haben wir schon ein philosophisches

Lebenswert

Hilfsmittel für die tägliche Kommunikation (und für den Umgang mit Konflikten): Bevor wir im Gespräch, Dialog, Konfliktgespräch etc. etwas behaupten, sollten wir in aller Bescheidenheit uns selbst fragen: Woher nehme ich die Gewissheit, dass ich Recht habe? Wenn wir uns zu einer ehrlichen Antwort darauf durchringen können, merken wir vielleicht, dass wir viele (wenn nicht die meisten) unserer Annahmen und Behauptungen unhinterfragt übernommen haben. Und womöglich dämmert uns, dass unser jeweiliges Gegenüber Recht oder eine bessere Lösung für das jeweilige Problem haben könnte.

Grundsätzlich gilt: Vor dem Reden nachzudenken, ist selten ein Fehler. Die berühmte Geschichte von den drei Sieben, durch die Behauptungen vor ihrer Verbreitung gefiltert werden sollen, wird zwar fälschlich Sokrates zugeschrieben, ist aber trotzdem gut: Jemand wollte Sokrates eine Begebenheit erzählen. Doch Sokrates stoppte den Redefluss und sagte: „Moment, bevor du mir das erzählst, möchte ich wissen, ob die Geschichte auch wahr ist.“ – „Nun, Sokrates, ich habe sie nicht überprüft, aber ich glaube schon.“ – „Gut, wenn die Geschichte nicht mit Sicherheit wahr ist, ist es wenigstens eine positive Geschichte, die gut tut?“ – „Nein, das ist sie nicht.“ – „Ja, ist es denn notwendig, dass du mir diese Geschichte erzählst?“ – „Ach, Sokrates, auch das muss ich verneinen.“

Sokrates schloss: „Wenn die Geschichte weder mit Gewissheit wahr noch gut noch notwendig ist, dann lass sie uns vergessen und belaste weder dich noch mich weiter damit.“