Kaiserbesuch anno 1884: Die Tiroler
jubeln „doppelt freudig erregt“

Erstaunliches, Spannendes, Kurioses und Berührendes findet man in alten Zeitungen. Für Zauberfuchs blättert der Historiker Stefan Dietrich in den Gazetten längst vergangener Tage.

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Man ist meist belustigt und angewidert zugleich, wenn man heute die Fernsehbilder aus Nordkorea sieht, die den absurden Personenkult um Nachwuchs-Diktator Kim Jong-un dokumentieren. Und man erinnert sich mit ähnlichen Gefühlen an die Bilder hysterischer Menschenmassen, die Ceausescu oder Saddam Hussein zujubelten. So etwas hat es bei uns – vom NS-Regime einmal abgesehen – doch nie gegeben, oder? Nicht so schnell!

Im September 1884 wurde in Tirol die Arlbergbahn eröffnet. Zu diesem Anlass reiste Kaiser Franz Josef (ja, das war der mit der Sisi!) zu seinen „allzeit getreuen Tirolern“. Die Innsbrucker Nachrichten berichteten darüber am 19. September in einem Leitartikel, der auch mit den Begriffen „Jubelmeldung“ und „Hofberichterstattung“ nur unzureichend charakterisiert werden kann.

Das seltsame Elaborat kann als Lehrstück über die politischen Verhältnisse in der „guten alten Zeit“ betrachtet werden – gerade jetzt, wo ständig darüber gejammert wird, wie übel die gegenwärtigen politischen Verhältnisse in Österreich sind.

„Der heutige Tag ist für unsere Stadt, ist für unser Land ein Tag der Freude! Der Kaiser ist in Land gekommen, um ein Werk zu krönen, welches mit goldenen Lettern in Tirols Geschichte ewig glänzen und dem Staate zu unvergänglichem Ruhme gereichen wird! Des Kaisern allerhöchster Besuch galt der Eröffnung der Arlbergbahn, des Werkes, das sein Entstehen dem allerhöchsten Machtanspruche verdankt. Se. Majestät unser allergnädigster Kaiser und Herr war es ja, welcher, seinen allzeit getreuen Bewohnern Tirols und Vorarlberg und in nimmer ruhender Fürsorge für das Wohl des Reiches ein Geschenk, eine echt kaiserliche Gabe zu bieten, die Ausführung des

Aus Uropas Zeitung

großartigen Werkes in seinen mächtigen Schutz nahm. Ihm zunächst danken wir dieses Gut! Was eiserne Willenskraft und strenge Arbeit vollbracht, was der Geist ersann und vieler Mannesmuth und Manneskraft zu End‘ geführt, – dieses Werk erhält seine Weihe, seine Krönung durch seinen ersten Urheber. Was sonst auch könnte der Vollendung des Werkes, welches einen Triumph österreichischer Ingenieurkunst, österreichischer Arbeitskraft bedeutet, höheren Glanz verleihen, als die Anwesenheit dessen, der das Werk geschaffen?! Doppelt groß ist darum heute die Freude über des Kaisers Anwesenheit in unseren Mauern. Wenn auch allzeit die treuen Tiroler Herzen dem Landesherren entgegenschlugen mit Wärme und Dankbarkeit – heute jubeln ihm Alle doppelt freudig erregt entgegen mit dem Rufe: „Hoch unser allergnädigster Kaiser und Herr Franz Josef I., Hoch das Haus Habsburg!“

Die Taglöhner, die beim Bahnbau im Oberinntal für Hungerlöhne Steine geschleppt hatten, dürften gerührt gewesen sein bei der Lektüre dieser Jubelhymne. – Gerührt, zu erfahren, dass es der Kaiser war, der ihnen die Eisenbahn großzügig zum Geschenk gemacht hat. Eine Bahn, mit der sie nie fahren würden, weil sie sich die Fahrpreise nicht leisten konnten.

Faksimile-Artikel: „Innsbrucker Nachrichten“ (19. September 1884)