NS-Justiz im Jahre 1943: Todesurteil
für einen Fahrraddiebstahl

Erstaunliches, Spannendes, Kurioses und Berührendes findet man in alten Zeitungen. Für Zauberfuchs blättert der Historiker Stefan Dietrich in den Gazetten längst vergangener Tage.

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Es ist hinlänglich bekannt, dass die Nationalsozialisten politische Gegner – und überhaupt alle, die ihnen nicht zu Gesicht standen – gnadenlos verfolgten. Weit weniger bewusst ist uns eine besondere Spielart des NS-Terrors, die den Unrechtscharakter des Regimes aber ebenso deutlich vor Augen führt: Die Praxis der damaligen Justiz, auch kleinere Straftaten unmenschlich hart zu verfolgen und maßlose Strafen zu verhängen. Ein besonders beklemmendes Beispiel dafür ist der Fall des Kleinkriminellen Josef K., der 1943 vom Sondergericht in Innsbruck wegen Fahrraddiebstahls (!) zum Tod verurteilt wurde.
Sie können das nicht glauben? Lesen sie selbst, was die „Innsbrucker Nachrichten“ am 13. März 1943 darüber berichten:

„Der 25jährige, in Kempten geborene, staatenlose Josef K. war bereits sechsmal wegen Diebstahls, darunter mehrfach wegen Fahrraddiebstahls, vorbestraft. Im September 1942 wurde ihm Arbeit angeboten, die er aber ausschlug, weil es ihm besser behagte, auf Diebstahl auszugehen. In knapp zweieinhalb Monaten stahl er in Innsbruck zehn Fahrräder, in Telfs eine Raucherkarte und Rasierklingen. Wie planmäßig er bei seinen Diebstählen vorging, ist daraus erkennbar, daß er ständig eine Beißzange in der Tasche trug. Wenn er dann versperrte Fahrräder antraf, entfernte er mit großer Geschicklichkeit die Sperrvorrichtung, ließ die Fahrräder mitgehen und verkaufte sie stets rasch und zu guten Preisen, so daß er gegen 900 RM erlöste.

Das Sondergericht Innsbruck verurteilte K. als

Aus Uropas Zeitung

gefährlichen Gewohnheitsverbrecher, aber auch als Volksschädling, weil der gewerbsmäßige Fahrraddiebstahl heute ausschließlich berufstätige Volksgenossen empfindlich schädigt und Fahrräder unter den jetzigen Verhältnissen kaum mehr ersetzbar sind. Mehrfacher Fahrraddiebstahl wird deshalb gegenwärtig mit der Todesstrafe bedroht, die das Sondergericht auch in diesem Falle gegen K. verhängte.“

Wie aus dem erhalten gebliebenen Prozessakt hervorgeht, wurde das Urteil auch tatsächlich vollstreckt: Josef K. starb am 9. April 1943 in Bayern im Gefängnis München-Stadlheim unter dem Fallbeil.

Faksimile-Artikel: „Innsbrucker Nachrichten“ (13. März 1943)