Grausiger Racheakt anno 1879: Der
Ex-Freundin ein Stück Nase abgebissen

Erstaunliches, Spannendes, Kurioses und Berührendes findet man in alten Zeitungen. Für Zauberfuchs blättert der Historiker Stefan Dietrich in den Gazetten längst vergangener Tage.

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Bei verschiedenen Beiträgen „Aus Uropas Zeitung“ konnte man bereits den Eindruck gewinnen, dass Persönlichkeitsschutz in den Medien vergangener Zeiten nicht besonders wichtig war. Bei Kriminalfällen und auch bei peinlichen Vorfällen, über die man damals liebend gern schrieb, wurden meist die vollen Namen genannt – oder man berichtete so, dass jeder im weiten Umkreis genau wusste, wer gemeint war.

Ein Musterbeispiel für den voyeuristischen und zugleich rücksichtslosen Stil, den man früheren Zeitungsartikeln häufig findet, ist folgender Bericht über die Rache eines „verschmähten Liebhabers“ aus den „Innsbrucker Nachrichten“ vom 1. Mai 1879:

„(Ein kleiner Liebesroman.) In Landgemeinden und Gebirgsdörfern behauptet das „Fensterln“ sein historisches Recht auch in der Neuzeit so gut wie die Liebeln in Städten und Märkten. Ein komisch-tragisches Geschichtchen aus diesem Genre ereignete sich in jüngster Zeit in einem Dorfe des Mittelgebirges an der Brenner-Bahnlinie. Dort liebten sich schon seit zwei Jahren in der Stille des Landlebens zwei Dorfkinder, ein vierschrötiger aber feuriger Bursche und ein gar holdes Mägdelein, die einzige Tochter eines wohlhabenden Bauersmannes. Wie es auch anderswo vorkommt, verdüsterte sich auch hier auf einmal der klare Himmel des Liebesbundes und eines Tages traf den Liebhaber wie ein Donnerschlag aus schwarzen Wetterwolken die Kunde, daß „sie“ ihm untreu geworden. Von seiner einzigen Geliebten verschmäht und jeder Hoffnung beraubt, sie wieder zu gewinnen und sich mit ihr auszusöhnen, schmiedete der Verstoßene einen Racheplan, den er auch zur Ausführung brachte. Er griff nach dem Wanderstabe und suchte Arbeit im Salzburgischen. Von dort aus schrieb er am Charsamstag einen Brief an seine Angehörigen über seinen Aufenthalt und sein Befinden. Am Ostersonntag schlich sich nach eingetretener Dunkelheit gegen halb 9 Uhr eine vermummte Männergestalt in das Schlafkämmerlein des

Aus Uropas Zeitung

treulosen Mädchens, das sich schon früh in Morpheus Arme gelegt hatte. Mit wahrer Rachgierde fiel der unberufene Eindringling über die arglose Schläferin her, verstopfte ihr mit einem Taschentuche den Mund, würgte sie mehrmals mit höchst unsanftem Drucke seiner Hände und zum Abschiedskuß biß er ihr eine gute Portion ihrer glücklicherweise nicht kurzen Nase ab. Dann verschwand der Kannibale wieder unbemerkt, wie er gekommen. Das zurückgelassene Taschentuch leitete jedoch auf die Spur des Nasenabbeißers und vor einigen Tagen wurde derselbe auf Anregung der hiesigen Gendarmerie vom Posten Hallein bei Salzburg verhaftet und dem hiesigen Landgerichte eingeliefert. Wer es war, ist leicht zu erraten; es ist eben kein anderer, als der verschmähte und ausgewanderte Liebhaber.“

Heute käme wohl kein Zeitungsschreiber mehr auf die Idee, diese Tat, die immerhin eine schwere Körperverletzung und den Angriff auf eine wehrlose Frau darstellt, „komisch“ zu finden. Auch die gefühllose Häme und der Spott, die sich konsequent durch den ganzen Artikel ziehen, wären bei einer derartigen Gewalttat heute nicht einmal mehr in Lokalblättern vorstellbar. Vielleicht ein Grund, gelegentlich ein bisschen froh zu sein, dass wir – bei allen Missständen, die es in diesem Bereich auch heute noch gibt – medial in deutlich „zivilisierteren“ Zeiten leben…

Faksimile-Artikel: „Innsbrucker Nachrichten“ (1. Mai 1879)