„Schwerverbrechen“ anno 1911: Majestätsbeleidigung und Gotteslästerung

Erstaunliches, Spannendes, Kurioses und Berührendes findet man in alten Zeitungen. Für Zauberfuchs blättert der Historiker Stefan Dietrich in den Gazetten längst vergangener Tage.

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Zu Recht finden wir es abstoßend, zumindest aber befremdlich, wenn wir hören, dass irgendwo in der Welt Despoten jede kritische Äußerung gegen sich als ein Staatsverbrechen betrachten und auch die „Beleidigung“ der Religion als politisches Delikt verfolgt wird – egal, ob religiöse Fundamentalisten oder Machthaber in Osteuropa oder in der Dritten Welt zu derartigen Unterdrückungsmaßnahmen greifen.

Dabei sollten wir aber nicht vergessen: Es ist noch gar nicht so lange her, dass „Majestätsbeleidigung“ und „Gotteslästerung“ auch bei uns nicht nur strafrechtliche Delikte waren, sondern tatsächlich auch streng bestraft wurden. Immer wieder findet man in alten Zeitungen Berichte über derartige Prozesse. So ist z. B. im Gerichtsteil der „Innsbrucker Nachrichten“ vom 25. Oktober 1911 etwa folgendes zu lesen:

„(Majestätsbeleidigung und Gotteslästerung.) Der 1867 in Slawonien geborene Georg Lojda hatte sich gestern vor dem Landesgericht Innsbruck wegen des Verbrechens der Majestätsbeleidigung, der Beleidigung eines Mitgliedes des kaiserlichen Hauses und der Religionsstörung zu verantworten. Die Verhandlung wurde unter Ausschluß der Öffentlichkeit geführt und ergab die Schuld des Angeklagten hinsichtlich aller drei ihm zur Last gelegten Verbrechen, da die majestätsbeleidigenden und gotteslästerlichen Äußerungen Lojdas im Gasthause wie bei der Eskorte durch Zeugen bestätigt wurden. Mit Rücksicht auf die leichte Angetrunkenheit und bisherige Unbescholtenheit des Angeklagten machte der Gerichtshof vom außerordentlichen

Aus Uropas Zeitung

Minderungsrechte Gebrauch und verurteilte Georg Lojda zu acht Monaten schweren Kerkers mit einem Fasttag monatlich. Der Angeklagte nahm die Strafe an.“

Natürlich wüsste man gerne, worin diese „Verbrechen“ genau bestanden, doch natürlich hütet sich die Zeitung, hier Details wiederzugeben. Aber was immer der Angeklagte gesagt haben mag: Dass er acht Monate schweren Kerkers ausfasste, obwohl außerordentliche Milderungsgründe berücksichtigt wurden, lässt uns heutzutage nur den Kopf schütteln und es als Glück empfinden, (noch) in einem liberalen Rechtsstaat zu leben.

Bürger manch anderer Länder, die zum Teil gar nicht so weit von uns entfernt liegen, werden hier aber möglicherweise ihre eigenen Verhältnisse wiedererkennen und feststellen, dass sich in den vergangenen hundert Jahren nicht allzu viel verändert, ja sich einiges vielleicht sogar verschlimmert hat.

Faksimile-Artikel: „Innsbrucker Nachrichten“ (25. Oktober 1911)