Die Rüstungsindustrie im Jahre 1943:
Hilda stellt ihren Mann

Erstaunliches, Spannendes, Kurioses und Berührendes findet man in alten Zeitungen. Für Zauberfuchs blättert der Historiker Stefan Dietrich in den Gazetten längst vergangener Tage.

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„Hilda hat heute ihre erste Schicht in der Werkhalle.“ – Es klingt wie der Beginn einer Bildunterschrift zum bekannten, zweideutigen Foto auf Seite 5 in der „Bild“-Zeitung. Zwar geht es nicht um ein großbusiges Pin-up-Girl, das sich im lasziv offenstehenden Overall auf einer Werkbank räkelt, etwas Obszönes hat die Foto-und-Text-Meldung in den „Innsbrucker Nachrichten“ vom 12. April 1943 trotzdem. Hier geht es, könnte man sagen, um politische Pornografie.

Kurz nachdem Propagandaminister Joseph Goebbels im Berliner Sportpalast vor einer tobenden Menge den „totalen Krieg“ ausgerufen hatte, waren die Zeitungen voll von Meldungen, die die Arbeitsmoral und die Bereitschaft der „Volksgenossen“ zum unbeschränkten Einsatz in den Rüstungsbetrieben heben sollten. Besonders richteten sich diese pathetischen Appelle auch an junge Frauen und Frauen aus dem bürgerlichen Milieu, die bisher mit Fabrikarbeit – und schwerer körperlicher Arbeit überhaupt – nicht viel am Hut hatten. Das hört sich dann so an:
„Hilda hat heute ihre erste Schicht in der Werkhalle. So selbstverständlich, wie es in allem ihre herzhafte Art ist, faßt sie zu und macht sich keine müßigen Gedanken. Daß sie je in einem Rüstungsbetrieb stehen und Hand an rasselnde Maschinen und ratternde Förderbänder legen würde, hatte sie sich nie gedacht. Aber ihre Jungmädchenträume haben keinen Platz mehr in der unerbittlichen Wirklichkeit dieser Zeit, in der auf der Lebenswaage unseres Volkes Sein oder Nichtsein liegen. Jede, auch die kleinste Kraft zieht die erste Schale höher; wenn jedes deutsche Mädel, sei es noch so jung, einen gewissen Teil von der schweren Last auf sich nimmt, die auf den Schultern der Soldaten liegt, wird das Gewicht des Schicksals für uns alle leichter. Und gerade die Jüngsten wollen stets die Tüchtigsten sein und überall vorangehen mit reinem Herzen und rascher Hand im Beispiel der Tat – das weiß Hilda. So steht sie jetzt am Schleifstein und stellt ihren Mann – im Kriegshilfsdienst des weiblichen Arbeitsdienstes.“

„Think positiv – für mehr Bomben und Granaten!“,

Aus Uropas Zeitung

kann man da nur sagen… Offenbar spielte es plötzlich keine Rolle mehr, dass die nationalsozialistische Ideologie ein rückwärtsgewandtes Frauenbild vertrat und Frauen grundsätzlich als Gebärmaschine, Heimchen am Herd und „treue Gefährtin des siegreichen Helden“ betrachtete. Wenn es darum ging, den Krieg zu verlängern, durfte auch „schwachen Geschlechts“ an die Werkbank und „ihren Mann stellen“!

Faksimile-Artikel: „Innsbrucker Nachrichten“ (12. April 1943)