„Familiendrama“ 1913: Amoklauf mit Virginia-Zigarre im Mund

Erstaunliches, Spannendes, Kurioses und Berührendes findet man in alten Zeitungen. Für Zauberfuchs blättert der Historiker Stefan Dietrich in den Gazetten längst vergangener Tage.

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Oft werden sie verharmlosend als „Familiendrama“ oder „Familientragödie“ bezeichnet, die amoklaufartigen Gewalttaten, die in der Regel Männer an ihren Angehörigen verüben. Von Zeit zu Zeit lesen wir kopfschüttelnd darüber. Derartige Amokläufe gehörten aber auch schon zur regelmäßigen Zeitungslektüre unserer Vorfahren. So war etwa im „Tiroler Anzeiger“ am 1. September 1913 von einem „Familiendrama“ in Telfs zu lesen, das sich ähnlich abspielte wie derartige Bluttaten auch heute noch verlaufen. Einziger Unterschied: Die Zeitung handelt das Geschehen, das heute wohl mindestens eine Seite füllen würde, in einem einspaltigen Artikel ab. Zudem wird der Leser zwar mit vielen Details der Tat, aber – ebenfalls im Gegensatz zu heute – nur spärlich mit Informationen über deren Hintergründe versorgt.

„An Sonntag Nachmittag spielte sich im sog. Schweizerhaus, einem Wohnhause für die Arbeiter der Fabrik Jenny u. Schindler, eine traurige Szene ab. Der Schlosser Anton A. Hatte sich am Samstag in Innsbruck einen Revolver gekauft mit der Angabe, er wäre ein Liebhaber vom Schießen. Am Sonntag besuchte er nun seine Familie, bestehend aus Frau und fünf teils erwachsenen Kindern. Er begegnete zuerst seiner 24jährigen Tochter, die er mit zwei Schüssen tötete; diese war zudem seit 4 Monaten in gesegneten Umständen. Hierauf wollte er seinen Sohn, der auch schon in Fabriksarbeit steht, töten, dieser konnte sich noch flüchten. Seine Frau hatte sich in ihrem Schrecken in der Wohnung eingesperrt, A. jedoch rannte die

Aus Uropas Zeitung

Türfüllung durch, sieg durch die Bresche in die Wohnung ein und brachte seiner Frau zwei schwere Schusswunden bei. Die Verletzte flüchtete noch in eine Küche im unteren Stockwerk und brach dann dort zusammen. Der Mörder selbst entleibte sich mit zwei Schüssen in den Kopf. Ein Schuß drang neben dem Auge aus dem Kopf und blieb im Ueberboden des Wohnzimmers stecken, während der zweite Schuß das Gehirn traf. A. war sofort tot; als er schon tot war, hatte er noch die Virginia-Zigarre im Munde. Mann und Frau lebten schon seit einiger Zeit getrennt.“

Faksimile-Artikel: „Tiroler Anzeiger“ (1. September 1913)