Aus Uropas Zeitung

Terrorgefahr im Tirol des Jahres 1884: Anarchistenjagd in Innsbruck

Erstaunliches, Spannendes, Kurioses und Berührendes findet man in alten Zeitungen. Für Zauberfuchs blättert der Historiker Stefan Dietrich in den Gazetten längst vergangener Tage.

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Jeder wird es bestätigen: Terroranschläge fanatischer Untergrundorganisationen – das ist die Bedrohung des 21. Jahrhunderts! Die Aussage mag richtig sein, jedoch darf man die zeitliche Fokusierung relativieren: Terrorismus und die Gefahr von Terroranschlägen schwebten in den meisten Epochen ihrer Geschichte über den Menschen. Auch wenn sich die Art und das politische Profil der Terrorbedrohung immer wieder gewandelt haben. Ende des 19. Jahrhunderts war etwa der Anarchismus „in Mode“ und regelmäßig ideologischer Nährboden für Anschläge auf Repräsentanten der Machteliten. Auch im biederen, ländlichen Innsbruck war die Angst vor anarchistischen Attentaten gegenwärtig. Und wie folgender Artikel der „Innsbrucker Nachrichten“ vom 27. Mai 1884 zeigt nicht ganz unbegründet.

„(Verhaftung eines Anarchisten) Am 23. ds. spät nachts bemerkte ein Mann der städtischen Sicherheitswache einen ihm etwas verdächtig erscheinenden Mann aus einem hiesigen Cafehause treten. Er folgte ihm längere Zeit durch die Straßen, bis sich derselbe umwandte und ihn frug, wo er hier übernachten könne; der Polizeimann meinte, es werde jetzt wohl schon zu spät sein, um ein Nachtquartier zu finden und forderte ihn auf, seine Legitimation vorzuzeigen. Auf das hin nahm derselbe Reißaus, der Polizist eilte ihm nach und stellte ihn auf dem Margarethenplatze. Da zog der Verfolgte einen

Revolver, dem Polizisten gelang es aber den Mann unschädlich zu machen und in Gewahrsam zu bringen. Alle sechs Läufe des Revolvers waren scharf geladen. Der Verhaftete ist der wegen Besitzen von Dynamitbomben von der Wiener Polizei steckbrieflich verfolgte Drechslergehilfe Adolf Hanich.“

Den „Margarethenplatz“ wird man heute in Innsbruck vergeblich suchen, trotzdem kennt ihn jeder: So hieß der Boznerplatz vor seiner Umbenennung. Offen bleibt die Frage, was die vornehme Umschreibung bedeutet, dass es dem Wachmann gelang, den Verdächtigen „unschädlich zu machen“. Man darf annehmen, dass dabei keine Samthandschuhe im Spiel waren.

Wie auch immer: Die Gefahr durch anarchistische Anschläge war in jenen Jahren durchaus kein Hirngespinst. Die heute sonderbar anmutende Ideologie des Anarchismus, die in zahlreichen Strömungen und Gruppen zerfiel, hatte damals Hochkonjunktur. In der „Liste anarchistischer Attentate“ auf Wikipedia sind zwischen 1878 und 1932 für Europa und Amerika mehr als 60 Anschläge auf besondere Repräsentanten von Staat und Gesellschaft angeführt, darunter auf mehrere Monarchen und einen US-Präsidenten. Das wohl bekannteste Opfer eines Anarchisten-Anschlages ist Kaiserin Elisabeth –„Sissi“ –, die 1898 in Genf auf offener Straße erstochen wurde.

Faksimile-Artikel: Innsbrucker Nachrichten (27. Mai 1884)