Todesstrafe 1879 in Innsbruck: „Etwa zehn Minuten noch zuckte der Körper…“

Erstaunliches, Spannendes, Kurioses und Berührendes findet man in alten Zeitungen. Für Zauberfuchs blättert der Historiker Stefan Dietrich in den Gazetten längst vergangener Tage.

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Im Jahr 1861 gab es in Innsbruck die letzte öffentliche Hinrichtung. Allerdings nicht etwa, weil danach in Österreich die Todesstrafe aufgehoben worden wäre. Nein – Exekutionen fanden noch Jahrzehntelang statt, allerdings aber sozusagen vor „geladenen Gästen“. Wie man sich so eine Hinrichtung vorzustellen hat, erfahren wir aus der „Presse“ vom 21. April 1879. Damals wurde der wegen Muttermords verurteilte Bauernbursche Johann K. (der Name wurde von uns abgekürzt) im wenig später abgerissenen „Kräuterturm“ am Rand der Altstadt „durch den Strang“ hingerichtet, sprich gehängt.

Darüber schriebt das Wiener Blatt: „Aus Innsbruck wird uns vom 19. d. geschrieben: Heute Morgens um 6 Uhr wurde Johann K. aus Oberhofen im Ober-Innthal, der seine Mutter mit einem Beil erschlagen hatte, im Hofe der Frohnfeste mit dem Strange hingerichtet. Seit siebzehn Jahren gab es in Innsbruck keine Hinrichtung mehr. Damals wurde der bekannte „Gwalt Wolferl“ noch auf öffentlichem Richtplatze am Prügelbaue justifiziert. Heute wurde der Act in geschlossenem Raume, unter Anwesenheit von vierzig Herren, geräuschlos und still vollzogen. Eine Abtheilung Militär umstand den Pfahl. Kurz vor 6 Uhr erschien der Präsident des Gerichtshofes mit der Commission und dem Staatsanwalte und Punkt 6 Uhr der Delinquent am Arme des Geistlichen, der ihm die Nacht hindurch geistlichen Trost gespendet hatte. K. hatte vorher ein paar Stunden ruhig und fest geschlafen und zeigte sich vollkommen gefasst. Scharfrichter Hellbock vollzog den Act.“

Der alkoholabhängige 30-Jährige hatte eine schreckliche Tat begangen, nämlich seine Mutter bei einem Streit um Geld erschlagen. Nicht weniger barbarisch und furchtbar war aber die Rache, die die Gesellschaft dafür an ihm nahm. Wem die Meldung der „Presse“ für diese Einsicht

Aus Uropas Zeitung

noch nicht ausreicht, der kann sich durch die näheren Details zur Hinrichtung überzeugen lassen, die die „Innsbrucker Nachrichten“ vom 19. April 1878 berichten: „… Das Sterbeglöckchen verkündete der außen harrenden Menge die Vollstreckung der Todesstrafe durch den Strang. Der Scharfrichte nahm ihn im Empfang, führte ihn auf das Podium, und unter dem lauten Rufe des Unglücklichen: „Mein Jesus! Mein Jesus! Verzeihe mir meine Sünden!“ wurde ihm die Schlinge um den Hals gelegt. Unter lautloser Stille vollzog sich der Akt mit größter Raschheit. Kaum begonnen war es um den Missethäter geschehen. … Etwa 10 Minuten noch zuckte der Körper des Delinquenten; dunkler färbten sich seine Gesichtszüge, ohne sich zu entstellen. Um halb 7 Uhr wurde die Leiche abgenommen, in den bereitstehenden Sarg gelegt und der Tod nach den Vorschriften des Gesetzes konstatiert. Dieselbe wurde dann in das Spital zur Obduktion überbracht. Unter die auf dem Pfarrplatze und am Innquai harrende Menge wurde eine gedruckte kurze Darstellung des Verbrechens und der Wortlaut des Urtheils vertheilt.“

Widerstrebende Gefühle sind hier durchaus angebracht. Zum einen darf man sich ruhig gruseln über das, was damals als Gerechtigkeit betrachtet wurde. Zum anderen ist Erleichterung angebracht, dass – zumindest bei uns – diese dunklen Zeiten der Strafjustiz (hoffentlich) für immer überwunde sind!

Faksimile-Artikel: „Presse“ (21. April 1879)