Tagesneuigkeiten: Wohliges Schaudern
in kleinen Häppchen

Erstaunliches, Spannendes, Kurioses und Berührendes findet man in alten Zeitungen. Für Zauberfuchs blättert der Historiker Stefan Dietrich in den Gazetten längst vergangener Tage.

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Skandal- und Sensationspresse – diese Schlagworte waren gerade in den vergangenen Tagen wieder oft zu hören. Und meist auch mit Recht! Dass Verbrechen und menschliche Abgründe der bevorzugte Stoff sind, aus dem Journalisten ihre Geschichten basteln, ist aber natürlich keine Sache unserer Zeit. Allenfalls die Geschwindigkeit, mit der sich solcher Nachrichten verbreiten, heute eine andere. Aber die berühmten Schauermeldungen gibt es schon, seit Zeitungen existieren. Genaugenommen wohl, seit Menschen Nachrichten austauschen.

Ein Blick in nahezu jede beliebige Zeitung vergangener Jahrzehnte zeigt, dass sich schon unsere Groß- und Urgroßeltern gern und regelmäßig mit bunt gemischten Meldungen über absonderliche Verbreche, haarsträubende Katastrophen, besonders tragische Unglücksfälle und dergleichen versorgen ließen. Zur Probe aufs Exempel hier ein Blick in die Spalte „Tagesneuigkeiten“ aus der (willkürlich herausgegriffenen) Ausgabe des „Tiroler Anzeigers“ vom 4. Dezember 1929.

In weniger als drei Minuten kann man hier die unterschiedlichsten Schauergeschichten konsumieren – sozusagen als kleine Häppchen. Nach dem aktuellen Innsbrucker Wetterbericht ist zu lesen, dass in Chicago bei einer Kältewelle 60 Menschen erfroren sind. Nach dieser Einstimmung erfahren wir die neueste Entwicklung in einem aktuellen österreichischen Mordfall, gefolgt von der Meldung über einen Wiener, der Rasierklingen verschluckte um einer Arreststrafe zu entgehen.

Dann sorgt der Bericht, dass ein Landwirt im polnischen Posen seine ganze Familie mit einem Beil erschlagen hat für (wohliges?) Schaudern. Und zu guter Letzt erfahren wir, dass sich ein Zuchthausinsasse in Berlin auf höchst ungewöhnliche Weise – durch Selbstenthauptung mit einer Papierschneidemaschine – vom Leben zum Tod befördert hat.

Aus Uropas Zeitung

Was das biedere, vor mehr als 80 Jahren erschienene Tiroler Blättchen da bietet, ist doch fast so gut wie das, was heute Facebook und manche einschlägigen Internetplattformen liefern, oder?

Faksimile-Artikel: „Tiroler Anzeiger“ (4. Dezember 1929)