Antisemitismus anno 1860: Juden, die
im Walde auf der Lauer lagen…

Erstaunliches, Spannendes, Kurioses und Berührendes findet man in alten Zeitungen. Für Zauberfuchs blättert der Historiker Stefan Dietrich in den Gazetten längst vergangener Tage.

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Antisemitismus ist auch in Tirol ein sehr altes Übel – das beweist nicht zuletzt die Ritualmord-Legende und die Verehrung des Anderle von Rinn. Lange vor dem nationalsozialistischen Rassenwahn waren in den Tiroler Zeitungen Judenhass und abstruse Vorurteile gegen Juden immer wieder ein Thema. Wie in einem Artikel der „Innsbrucker Nachrichten“ vom 7. Juli 1860. Die Geschichte aus dem Zillertal, die hier erzählt wird, führt uns nicht nur vor Augen, wie verbreitet der Antisemitismus in der damaligen Landbevölkerung war, sondern ist auch ein zeitloses Musterbeispiel für die Irrationalität, mit der rassistische Emotionen entstehen und sich ausbreiten.

Und auch wenn die Geschichte letztlich gut ausging und der Berichterstatter sogar Ironie einfließen lässt, drängt sich die Frage auf: Könnte derartiges – so oder so ähnlich – nicht auch heute geschehen?

„Am 29. Juni hatten sich einige Kinder in der Gemeinde Schlitters in den Wald begeben, um Beeren zu suchen. Plötzlich kamen dieselben alle bis auf zwei in das Dorf gestürzt, weinend und jammernd mit verstörten Gesichtern. Ein geschehenes schweres Unglück konnte man auf ihren Minen lesen. Schluchzend und zitternd erzählten nun die Kinder: Juden, die im Walde auf der Lauer lagen, hätten zwei der unschuldigen Kinder abgefangen und grausam gemartert. Mit Blitzesschnelle verbreitete sich diese Nachricht durch das ganze Dorf, und alle Weiber liefern händeringend zusammen und kalte Schauer rieselten über jedes Mutterherz. Man dachte an nichts anderes, als an das Anderle von Rinn und Simele von Trient, die einst als Opfer der Grausamkeit der Juden fielen, deren Greueltaten sich jetzt wiederholten. Aber diesmal sollten die Spitzbartler nicht so leichten Kaufes davon kommen. Der Jammer der Weiber, von denen namentlich eine, deren Scepter über neun Kinder regierte, ganz Israel Rache und Verderben schwor, hatte auch manches Männerherz gerührt. Ein Judenverfolgungscomite wird gebildet, und bald zogen Zwei – einem Scharfschützen und der beherzte Zieler von Schlitters – mit geladenen Gewehren dem neuen Judenstein zu.“

Der Artikel berichtet nun ausführlich darüber, dass die beiden Kinder, kaum dass ihre „Retter“ das Dorf verlassen hatten, unverletzt zurückkehrten. Dann folgt die Aufklärung der ganzen Verwirrung. Tatsächlich stießen die Schlitterer im Wald auf zwei Männer: „Diese sahen aber bei weitem nicht so fürchterlich aus, als die erhitzte Phantasie der beiden Stürmer sich dieselben ausgemalt hatte. Sie saßen gemüthlich beisammen, und ihr Rücken schien schwerer belastet zu sein als ihr Gewissen, denn neben ihnen lagen zwei wohlbepackte Tornister mit aufgeschnallten Stiefeln. … Von

Aus Uropas Zeitung

Mordwerkzeugen keine Spur. Nach der ersten Verblüffung nahmen die beiden Stürmer ungefähr folgendes Verhör vor. Wer seid ihr? Was macht ihr hier? Habt ihr die beiden unschuldigen Kinder gemartert? Heraus mit der Sprache! Setzte noch der Zieler nach. Darauf erhob sich einer der so angeredeten und sprach: Wir sind zwei arme Handwerksburschen und haben uns hier zur Rast gesetzt. Wir thun Niemandem was zu Leide, nur als da oben uns eure Fratzen Steine herabließen, hab‘ ich ein paar derselben – bei den Ohren genommen. Die beiden Schützen waren aber verständige Männer und sie merkten bald, daß die Sache so sein könnte, sintemalen der Augenschein keine Juden, sondern leibhaftige Handwerksburschen ergab.“

Schließlich, so erfahren wir aus dem Artikel, überlassen die beiden Verfolger die Handwerksburschen ohne weitere Maßnahmen ihrem Schicksal. Offenbar amüsiert vermerkt der Berichterstatter: „So endete die Judenverfolgung in Schlitters, die zwar erschrecklich viel Aufregung, doch keinen Tropfen Blut gekostet hat.“

Heute, einen Holocaust und viele, viele rassistische Gewalttaten später, fällt es uns schwer, die Sache spaßig zu finden. Nicht zuletzt, weil die Frage offen bleibt: Was wäre gewesen, wenn die beiden Wanderer wirklich Juden oder die Verfolger keine so „verständigen Männer“ gewesen wären?

Faksimile-Artikel: „Innsbrucker Nachrichten“ (7. Juli 1860)