Tiroler Emigranten 1868: Schon in Deutschland „der Geldmittel entblößt“

Erstaunliches, Spannendes, Kurioses und Berührendes findet man in alten Zeitungen. Für Zauberfuchs blättert der Historiker Stefan Dietrich in den Gazetten längst vergangener Tage.

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Vor kurzem war hier von Tiroler Auswanderern die rede, die man durchaus – und das nicht abwertend! – als „Wirtschaftsflüchtlinge“ bezeichnen darf. Bei vielen alten Zeitungsberichten fühlt man sich an heutige Flüchtlingsschicksale erinnert – nur dass es dabei eben nicht um Emigranten aus der Dritten Welt geht, die zu uns kommen wollen, sondern um unsere eigenen Landsleute und Verwandten. Und es gab auch schon so etwas wie „Schlepperunwesen“. Welche Not bei den Tiroler Auswanderern herrschte und wie es ihnen ergehen konnte noch bevor sie Europa verlassen hatten, erfährt man etwa aus einem Artikel der „Innsbrucker Nachrichten“ vom 22. Mai 1868. Bei den Menschen, um die es hier geht, handelt es sich um die zweite Auswandererwelle nach Pozuzo, die 1868 in diese 1859 gegründete „Tiroler Urwaldkolonie“ in Peru aufbrach. Über die hauptsächlich Oberinntaler Emigranten ist zu lesen:

„(Ueber die tirolischen Auswanderer,) welche am 15. März d. J. Innsbruck verlassen hatten, um jenseits des Weltmeeres in Peru sich eine neue Heimat zu gründen, gingen dem „Tir. Boten“ von glaubwürdiger Seite Mittheilungen über deren Aufenthalt in Mannheim und Antwerpen zu. Der Aufenthalte jener Leute in Mannheim bot nach der Versicherung unseres Gewährsmannes leider ein trauriges Bild und ihren Landsleuten gerade nicht zur Ehre gereichendes Bild dar. Viele derselben durchzogen im aufgeregten trunkenen Zustande die Straßen der Stadt; und belästigten nun, der Geldmittel entbößt, Privaten und Behörden mit Klagen über die angebliche Uebervortheilung seitens des den Transport von Innsbruck bis Antwerpen begleitenden Agenten S. aus Innsbruck, indem sie angaben, daß jener die Verpflichtung übernommen habe, sie völlig kostenfrei von Innsbruck nach Antwerpen zu befördern, während den Aussagen des Agenten S. vor dem österreichischen Konsul in Mannheim, die Verpflegung bis Antwerpen dem einzelnen Auswanderer oblag. Den Bemühungen des österreichischen Herrn Konsuls gelang es, den Agenten zu vermögen, wenigstens den von

Aus Uropas Zeitung

Geldmitteln ganz entblößten Auswanderern kleine Zehrgelder zu geben und sie dadurch zu beschwichtigen. Am 18. März fuhren die Emigranten auf der linksrheinischen Eisenbahn über Köln nach Antwerpen, wohin sie der Innsbrucker-Agent begleitete. Peter Markt und Alois Nagele, beide aus Telfs, weigerten sich jedoch in Mannheim weiterzufahren, und ließen lieber Pässe und Koffer zurück. – eine ältere Frau ist in Mannheim am Tage der Ankunft gestorben. In Antwerpen, wo die Auswanderer am Bord des italienischen Schiffes „Valparaiso“, Kapitän Cassarero, eingeschifft wurden, besuchte sie der dort stationierte österreichische Konsul. Am 21. März trat das Schiff seine weite Reise über das Meer an. Von derselben befreundeten Hand, der der Bote die obigen Nachrichten verdankt, wurde auch der Wunsch ausgedrückt, daß wenn sich schon Leute zu dem schweren Schritte entschließen, jenseits des Meeres sich eine zweite Heimat zu gründen, sie wenigstens vorsichtig sein möchten bei der Ausführung ihrer Pläne. In dieser Beziehung empfehle sich die Abschließung fester schriftlicher Verträge über die Art und Weise des Transportes ganz besonders, da ohne solche in der Regel auch die Konsulatsbehörden selbst bei dem besten Willen die Auswanderer nicht zu schützen vermögen.“

Faksimile-Artikel: „Innsbrucker Nachrichten“ (22. Mai 1868)