Auswanderung anno 1858: Tiroler unterwegs nach Brasilien

Erstaunliches, Spannendes, Kurioses und Berührendes findet man in alten Zeitungen. Für Zauberfuchs blättert der Historiker Stefan Dietrich in den Gazetten längst vergangener Tage.

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Dass Tirol in den Jahrzehnten um 1850 ein Auswanderungsland war, dem zehntausende Menschen aus Not und wegen fehlender Perspektiven den Rücken kehrten, ist ein kaum bekanntes Kapitel der Landesgeschichte. Von Pozuzo in Peru und der Colonia Tirol in Brasilien, wo kleine, einigermaßen geschlossene Tiroler Siedlungen entstanden, hat man vielleicht schon gehört. Diese Orte sind aber nur die „Spitze des Eisbergs“ der damaligen riesigen Emigrationsbewegung aus den Alpen über den Atlantik.

Eine gute Quelle sind hier Zeitungsartikel, die damals immer wieder von Auswanderung und vom Auswandererschicksal berichten. Wie folgende Meldung in der „Tiroler Volks- und Schützenzeitung“ vom 23. April 1858, die über den Aufbruch von Emigranten aus dem Gerichtsbezirk Telfs berichtet.

Interessant sind in dem Artikel vor allem zwei Aspekte: Zum einen die Vorbehalte und der Pessimismus, die der Artikelschreiber dem Vorhaben in satter Selbstzufriedenheit entgegenbringt. Zum anderen die moralisierenden Betrachtungen im zweiten Teil des Berichts. Sie verraten, dass den Verantwortlichen damals durchaus zu dämmern begann, welch großen volkswirtschaftlicher Schaden der Verlust so vieler aktiver und arbeitswilliger Menschen für das Land bedeutet.

„Telfs, 21. April. Heute sahen wir die Auswanderer aus unserem Gerichte, welche ihre bessere Existenz in Brasilien suchen, dahier sich sammeln und abreisen. Es befinden sich darunter Kinder, Greise und schwache Weiber, jedoch auch viele starke, kräftige junge Leute, dazwischen verlobte Pärchen, denen Amor ihren langen schweren Weg und Ziel leichter färbt. Wie ich höre, sollen sich dieser Expedition nach Brasilien aus Tirol bei 400 Personen angeschlossen haben. Dem Menschenfreunde drängt sich beim Anblicke dieser scheidenden Landsleute, welche das Vaterland verlassen, um in den Tropen jenseits der Meere ihr besseres Fortkommen zu suchen und dafür – nur zu wahrscheinlich – bittere Enttäuschung finden,

Aus Uropas Zeitung

ein aufrichtiges Erbarmen auf, und es frägt sich, wäre so viel Elend nicht vorzubeugen, und dem weiteren Vordringen der einmal in’s Volk eingerissenen Auswanderungslust, oder richtiger gesagt Auswanderungsnoth eine bessere Richtung zu geben? Haben wir nicht in unserem eigenen Vaterlande noch Boden und Verhältnisse, denen der angestammte Fleis und die Arbeitslust des Tirolers mit weniger Gefahren und mehr Sicherheit unter dem schirmenden Schutze unserer Regierung ein lohnenderes Brod abgewinnen könnte? Sind nicht in dem weiten fruchtbaren Ungarlande noch gesunde Gegenden, in denen sich Tiroler Gemeinden einen annehmbaren Wohnsitz und Gedeihen gründen könnten? Dieses ist beim Anblicke unserer Auswanderer der Gedanke, welcher sich Jedermann aufdringt. Möchte unsere hohe Regierung durch das Umsichgreifen der Auswanderung, welche Kapital und Kräfte dem Staate entzieht, aufmerksam geamacht, Wege und Mittel finden, der Auswanderung die Richtung nach gesunden, wirthbaren Gegenden des Ungarlandes zu geben!“

Faksimile-Artikel: „Tiroler Volks- und Schützenzeitung“ (23. April 1858)