Lebensgefährliche Armut: Familie kurz vor dem Erfrieren gerettet

Erstaunliches, Spannendes, Kurioses und Berührendes findet man in alten Zeitungen. Für Zauberfuchs blättert der Historiker Stefan Dietrich in den Gazetten längst vergangener Tage.

Lesedauer   Lesedauer – für diesen Text benötigt ein durchschnittlicher Leser 1:40 Minuten  (Erklärung hier)

Von den „sozialen Realitäten“ früherer Zeiten war an dieser Stelle schon öfter die Rede. Blättert man in alten Zeitungen, empfindet man häufig Dankbarkeit für den vielgeschmähten Sozialstaat, auf den wir uns – zumindest in unserem Teil Europas verlassen können. Noch in den Tagen unserer Groß- und Urgroßeltern lebten viele Menschen weitgehend ohne Absicherung. Und wenn man etwa zur Zeit der großen Wirtschaftskrise nach dem Börsencrash von 1929 seine Arbeit verlor, konnte das durchaus lebensgefährlich sein. Ein ebenso dramatisches wie ergreifendes Ereignis, das zwar glimpflich ausging, aber ein bezeichnendes Licht auf die damaligen sozialen Verhältnisse wirft, berichtet der „Tiroler Volksbote“ am 2. Jänner 1930 aus der Kufsteiner Gegend.

„Kufstein, (Arme Leute.) Am 20. Dezember wurde auf der Unteren Schranne in grimmiger Kälte in einer verschneiten Lichtung halberfroren eine Familie, bestehend aus Vater, Mutter und einem elf Monate alten Kind, aufgefunden. Die vollkommen Erschöpften wurden von mitleidigen Leuten gelabt und dann zur Polizeiwache nach Kufstein gebracht. Dort gab der Mann, der sich kaum mehr auf den Füßen aufrecht erhalten konnte an, daß er bis vor wenigen Wochen Bergarbeiter in einem Goldbergwerk im Salzburgischen in den Tauern gewesen ist. Infolge Schneeverwehungen mußte das Goldbergwerk sperren und sämtliche Arbeiter wurden entlassen. Er erhielt keine Arbeitslosenunterstützung, da er noch nicht die vorgeschriebenen 20 Wochen gearbeitet hatte. Aller Geldmittel entbößt, entschloß sich der Mann mit seiner 23jährigen Frau und dem Kind zu Fuß nach Tirol zu wandern, wo er Arbeit zu bekommen

Aus Uropas Zeitung

hoffte. Die gesamten Habseligkeiten trug er in einem großen Bündel auf dem Rücken, die Frau trug das in Lumpen gehüllte Kind auf dem Rücken. Die beschwerliche Fußwanderung hat das Paar vollkommen entkräftet. In Kufstein wurde eine Sammlung eingeleitet und dem Manne ein kleiner Geldbetrag ausgefolgt. Die Frau mit dem Kind wurde durch die Polizei nach Ternitz in Niederösterreich, wo ihre Mutter lebt, befördert, während der Mann in Kufstein blieb, wo er eine Arbeit in Aussicht hat. Der Mann steht im 50. Lebensjahre und hat die junge Frau erst vor zwei Jahren geheiratet. Bemerkenswert ist, daß das Paar den Alkohol, der ihnen zur Stärkung gereicht wurde, ablehnte und erklärte, daß es niemals Alkohol trinke.“

Faksimile-Artikel: „Tiroler Volksbote“ (2. Jänner 1930)