Schwabenkinder: Wie bei „Onkel Tom’s Hütte“ – Tiroler Kinder als Flüchtlinge

Erstaunliches, Spannendes, Kurioses und Berührendes findet man in alten Zeitungen. Für Zauberfuchs blättert der Historiker Stefan Dietrich in den Gazetten längst vergangener Tage.

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Heute geht es manchem leicht über die Lippen – und noch leicheter einigen Politikern: Menschen, die hilfesuchend zu uns kommen, werden gerne als „Wirtschaftsflüchtlinge“ abgestempelt und diffamiert. Gerade für Tiroler ist es aber gar nicht unwahrscheinlich, dass sich unter ihren nahen Vorfahren jemand befindet, der sozusagen als Prototyp des Wirtschaftsflüchtlings gelten könnte: ein „Schwabenkind“. Bis hinein ins 20. Jahrhundert war es – vor allem im bitterarmen Oberinntal – üblich, dass Kinder und Jugendliche in langen Fußmärschen regelmäßig ins süddeutsche Alpenvorland zogen, um dort als Arbeitsemigranten bei reichen Bauern irgendwie ihr Auskommen zu finden.

Auch in den alten Zeitungen sind die „Schwabenkinder“ immer wieder ein Thema. Über das bitterer Leben dieser Armeleute-Kinder wird oft mit erhobenem Zeigefinger oder verschämt geschrieben, manchmal aber auch mitfühlend und mit gesellschaftskritischem Ansatz. Wie etwa in der in Wien erscheinenden Tageszeitung „Die Debatte“ vom 23. März 1867, die eine Veröffentlichung des „Boten für Tirol und Vorarlberg“ zitiert:

„Ehe noch im Frühlinge die verschiedenen Zug- und Wandervögel unser Rheinthal nach nördlichen Gegenden passieren, kommen alljährlich noch andere Wanderer, aber bald in zahlreicherer Menge als die Vögel in der Luft, und durchziehen unser Ländchen ebenfalls in derselben Richtung Richtung und auch in der gleichen Absicht wie die ersten, nämlich sich eine zeitweilige Existenz zu suchen, und das sind die sogenannten Schwabenkinder, die um jetzige Zeit, hauptsächlich von Anfang bis gegen Ende März massenhaft nach dem nahen und fernen Baiern, Würtemberg und Baden wallen, um sich dort an die Bauern als als Hirten, Unterknechte, Kindsmädchen ec. zu verdingen. Dieselben kommen größtentheils aus Tirol, Montafon, Walserthal, Graubünden etc., und nicht ohne einiges Mitleid erblickt man unter diesen Karawanen sogar Kinder in einem Alter von nur 7-8 Jahren. Viele werden von ihren Vätern, Müttern oder älteren Geschwistern dahin begleitet, viele aber sind sich selbst überlassen, oder werden irgend einer anderen Person, einem hierin schon erfahrenen Burschen etc. anvertraut, von denen sie dann in den Ortschaften Ravensburg, Tettnang, Wangeln oder Kieselegg an den Markttagen der Woche an die vom Lande herzukommenden Bauern auf das Sommerhalbjahr gegen Kost und einen geringen Lohn veräußert, oder, im Falle sie auf vorgenannten

Aus Uropas Zeitung

Marktplätzen nicht ankommen, „verhausiert“ werden. Das erinnert stark an „Onkel Tom’s Hütte“.

Das Traurigste bei all‘ dem ist aber noch das, daß solche Kinder durch ihr schon frühzeitiges Auswandern dem ihnen so noththuenden Schulunterrichte entzogen werden, und manchmal noch in sittlicher und moralischer Beziehung Noth leiden. Schon auf ihrer Reise hin und her ergeben sie sich gänzlich dem Straßenbettel. Kommen sie in einen Ort, so fallen sie gleich Wanderheuschrecken Alles bettelnd an, was ihnen unterkommt.“

Der Hinweis auf den US-Romanklassiker „Onkel Tom’s Hütte“ und damit auf die Sklaverei erscheint im Fall der Schwabenkinder gar nicht so weit hergeholt. Und was der Autor zurückhaltend mit den Worten umschreibt, dass die Kinder auch „in sittlicher und moralischer Beziehung Noth leiden“ mag man sich lieber gar nicht vorstellen – schließlich waren die minderjährigen Arbeitsemigranten ihren „Brotgebern“ in der Fremde auf Gedeih und Verderben ausgeliefert…

Das Schwabenkinder-(Un-)Wesen dauerte noch bis hinein in den Ersten Weltkrieg unvermindert an. Erst in den 1920er-Jahren verebbte es allmählich.

Faksimile-Artikel: „Die Debatte“ (23. März 1867)