Liebesdrama: Gemeinsamer Tod in den Tiroler Bergen anno 1859

Erstaunliches, Spannendes, Kurioses und Berührendes findet man in alten Zeitungen. Für Zauberfuchs blättert der Historiker Stefan Dietrich in den Gazetten längst vergangener Tage.

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Davon, dass in den Zeitungen früherer Tage ganz selbstverständlich und unverblümt über Selbstmorde geschrieben wurde, war in dieser Serie schon die Rede. Am 18. April 1859 berichtet etwa die in Innsbruck erscheinende „Volks- und Schützenzeitung“ über einen Doppelselbstmord bzw. erweiterten Selbstmord in der Nähe von Kufstein, der offensichtlich die Folge eines berührenden Liebesdramas war.

Der Bericht ist detailreich, aber (man beachte den moralisierenden Schlusssatz) für unsere Begriffe nicht gerade einfühlsam…

„Kufstein. 14. April. Auf dem nahen Stadlberge dahier, zum Hinansteigen eine Stunde Weges, fand eine Ziegenhüterin am 13. D. M. zwei Leichen, eine männliche und eine weibliche. Ueber die gemachte Anzeige verfügte sich die Kommission dahin, und fand beide Leichen hartaneinander liegend, mit Schußwunden in der Brust. Eine Doppelpistole lag daneben mit Pulvervorrath und noch mehreren Kugeln. Der hier freiwillig aus noch unbekannten Motiven gesuchte Tod unterliegt nach allen Umständen keinem Zweifel. Gleichsam zum dürftigen Schutze gegen Regen und Schnee hatten sie ober ihnen die Mantille auf den Baumzweigen ausgebreitet, zum Ruhekissen lag unter den Köpfen der zusammengerollte Paletot. Damenhut und Cilinder waren ebenfalls aufgehängt. Seine linke Hand ruhte auf ihrer Schulter. Nicht der mindeste Kampf kann nach allen Anzeichen bei der That stattgefunden haben; die Dame hatte sich noch vorher ihres Schnürleibes entledigt, und das Kleidmieder angezogen; ihr Hemd war auf der Brust aufgerissen, ebenso war auch seine Brust geöffnet, um den tödtenden Schuß in offene Brust zu geben und zu empfangen. Die Dame erhielt einen Doppelschuss der Pistole. Die Identität der beiden Unglücklichen ist ermittelt, sie sind bereits am 18.

Aus Uropas Zeitung

V. M. mit dem Train von München gekommen, haben dahier übernachtet, sich im Fremdenbuch eingeschrieben (mit irrigen Angaben) und waren Abends am 19. V. M. in der Stadt sichtbar. Eine am 20. v. M. hierher gelangte telegraphische Depesche zu ihrer Habhaftwerdung kam um einen Tag zu spät. Die Leiche der jungen Frau wurde gestern, die ihres Begleiters heute begraben. Der unglückliche Gatte der Gemordeten hatte die Bitte hierher gelangen lassen, sie nicht in dasselbe Grab mit ihrem Verführer zu legen. So ist die Geschichte von Ueberspanntheiten aus Mangel religiös-sittlichen Gefühles wieder um ein trauriges Beispiel reicher geworden.“

Faksimile-Artikel: Volks- und Schützenzeitung (18. April 1859)