Aus Uropas Zeitung

Verlustlisten aus dem Jahre 1914: das wahre Gesicht des Krieges

Erstaunliches, Spannendes, Kurioses und Berührendes findet man in alten Zeitungen. Für Zauberfuchs blättert der Historiker Stefan Dietrich in den Gazetten längst vergangener Tage.

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„Verlustliste“ – ein Wort, das in unserem heutigen Sprachgebrauch bestenfalls noch im Fundamt eine Rolle spielt, war für die Generation unserer Groß- und Urgroßeltern ein Inbegriff des Schreckens. Schon bald nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges drängten sich die amtlichen Verzeichnisse mit den Namen der Gefallenen in die Zeitungsspalten und nahmen dort immer mehr Platz ein. So veröffentlichten etwa die „Innsbrucker Nachrichten“ am 19. Oktober 1914, nachdem man in der Mittagsausgabe bereits die gefallenen und verwundeten Tiroler Offiziere gemeldet hatte, in der Abendausgabe Auszüge der „Verlustliste Nr. 29“. Unter dem Titel „Die Verluste unseres Hausregiments“ werden auf fast einer ganzen Seite mehr als 400 Namen von Angehörigen des 1. Tiroler Kaiserjäger-Regiments aufgereiht, die bei den Kämpfen in Galizien getötet oder verwundet worden waren.

Dabei ist die Verlustliste Nr. 29 nur eine von vielen. Sie nennt nur einen Teil der Kaiserjäger, die schon in den ersten Wochen des Krieges von unfähigen und gewissenlosen Offizieren im Kampf mit den Russen regelrecht verheizt worden waren.

Das in Innsbruck stationierte 1. Kaiserjäger-Regiment, in dem viele Nordtiroler dienten,

rückte im August 1914 mit 3.615 Mann an die Front im Grenzgebiet zwischen der k. u. k. Monarchie und dem russischen Zarenreich. Am 25. September waren noch 1472 Mann übrig. 2143 Regimentsangehörige waren gefallen, verwundet oder in Gefangenschaft geraten.

Man kann sich vorstellen, mit welchen Gefühlen Eltern, Ehefrauen, Geschwister und Freunde der Eingerückten jede einzelne Zeile dieser schrecklichen Listen studiert haben werden!

Dass diese Veröffentlichungen, die entgegen den Propagandameldungen das wahre, schreckliche Gesicht des Krieges offenbarten, für die Stimmung der Bevölkerung nicht förderlich waren, ging den Machthabern relativ rasch auf. Bald stellte die Zensurbehörde das Abdrucken der Verlustlisten in den Zeitungen ein. Erst beschränkte man sich darauf, nur mehr die Einheiten aufzuzählen, die Verluste erlitten hatten, dann verschwanden auch diese Meldungen. In den Spalten mit den Todesanzeigen konnte man zwar weiterhin – zumindest bruchstückhaft – das Massensterben an den Fronten nachvollziehen, im redaktionellen Teil der Blätter waren aber schon bald die einzigen Verluste, über die umfangreich berichtet wurde, jene des Gegners…

Bild: Ausschnitt aus der Liste mit den Verlusten des 1. Tiroler Kaiserjäger-Regiments, die in den „Innsbrucker Nachrichten“ vom 19. Oktober 1914 fast eine ganze Seite füllt.

Faksimile-Artikel: Innsbrucker Nachrichten (30. November 1954)