Wahlkampf 1920: „Als Erster sprach
ein gewisser Hittler…“

Erstaunliches, Spannendes, Kurioses und Berührendes findet man in alten Zeitungen. Für Zauberfuchs blättert der Historiker Stefan Dietrich in den Gazetten längst vergangener Tage.

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Im Herbst 1920 befand sich Österreich im Nationalratswahlkampf. Bei einer der vielen politischen Versammlungen im großen Innsbrucker Stadtsaal trat zur Unterstützung der Tiroler Parteigenossen der Führer einer obskuren bayerischen Kleinpartei auf – der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei. Der Redner war so wenig bekannt, dass der Berichterstatter der sozialdemokratischen „Volkszeitung“ seinen Namen falsch schrieb: „Als Erster sprach ein gewisser Hittler aus München, der so etwas wie ein Führer der Gelben sein soll“, berichtet das Blatt in seiner Ausgabe vom 2. Oktober 1920.

Dass Adolf Hitler, der Abgesandte der erst kürzlich gebildeten rechtsextremen Splittergruppe, zu einem der schrecklichsten Diktatoren des 20. Jahrhunderts und zur Bedrohung der Welt werden würde, konnte der linke Wahlbeobachter natürlich nicht ahnen. Er war auch von der später immer wieder gepriesenen Rednergabe des damals 31-jährigen Agitators nicht sonderlich beeindruckt. Immerhin gestand er dem zukünftigen „Führer Großdeutschlands“ kräftige Lungen zu:
„Er scheint die löbliche Absicht gehabt zu haben, sachlich zu sprechen, scheint sich aber auch an den „hochverehrten Volksgenossen“ etwas verrechnet zu haben. Es war für die Nationalsozialisten Innsbrucks sehr bezeichnend: Solange der Redner sachlich sprach, herrschte unheimlich eisiges Schweigen, nur hie und da gab jemand durch ein lautes und vernehmliches Gähnen zu verstehen, der „hochgeehrte Gast“ möge endlich mit dem faden Gesumse aufhören. Der Redner schien dies aber nicht zu verstehen, erst als ein Klaquer in Intervallen von je zwei Minuten immer wieder „Pfui Juden“ schrie, begriff er den sanften Stupfer und legte eine neue, mehr hetzige Walze ein. „Internationalismus“, „Juden“, „Säbelson und Jakobson“ und eine anständige und wirklich achtenswerte Portion Lungenkraft brachten Musik und Stimmung in die Versammlung, so daß auch die glücklich Schlummernden erschrocken erwachten und „Hepp, hepp, Jud, Jud!“ brüllten. So sachlich der Redner begann, so unheimlich geistlos endete er. Aber das eine muß ihm auch der Neid lassen:

Aus Uropas Zeitung

Lungenkrank und asthmaleidend ist der gute Mann nicht. Der Überfluß an Lungenkraft kann aber trotzdem das Minus an geistiger Kraft nicht ersetzen. … “

Angesichts dieser Schilderung kann man sich ungefähr vorstellen, in welcher Lautstärke die Parolen des „Diktators in spe“ durch den Stadtsaal hallten. Allerdings blieb die Schützenhilfe aus München weitgehend unbelohnt: Damals, 1920, konnten die Nationalsozialisten in Innsbruck wie in ganz Österreich nur eine verschwindend geringe Zahl von Wählerstimmen gewinnen und verfehlten den Einzug in den Nationalrat klar.

Faksimile-Artikel: Innsbrucker Volkszeitung (7. Oktober 1920)