Erdbeben im Unterland 1859: Spiegel und Uhren fielen zu Boden, Balken krachten

Erstaunliches, Spannendes, Kurioses und Berührendes findet man in alten Zeitungen. Für Zauberfuchs blättert der Historiker Stefan Dietrich in den Gazetten längst vergangener Tage.

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Wenn wir heute von Erdbeben in Tirol hören, sind das Routinemeldungen am Ende des Nachrichtenblocks und meist können sich nur wenige erinnern, eine Erschütterung bemerkt zu haben. Das soll aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Inntal auf einer aktiven Erdbebenlinie liegt. In alten Zeitungen liest man immer wieder einmal von heftigen Beben, die durchaus zu spüren waren und Schäden verursachten. So gab es z. B. am 28. April und 3. Mai 1859 ein solches Elementarereignis im Raum Schwaz-Jenbach, das zwar nicht wirklich katastrophal war, aber doch deutlich sichtbare Auswirkungen hatte. Laut der in Innsbruck erscheinenden „Volks- und Schützenzeitung“ entstanden durch den Erdstoß neben anderen Schäden Risse an der Pfarrkirche von Schwaz. Das Blatt bringt auch folgenden kurzen Augenzeugenbericht eines Schwazers: „Heute Morgen um dreiviertel auf 8 Uhr früh wurde hier ein furchtbares Erdbeben verspürt. Ich stand gerade in meinem geräumigen Zimmer, als alle Möbel, Fenster und Wände zu zittern anfingen, und mir schien es, als schösse man nach allen vier Seiten mit Kanonen auf das Haus. Ich sprang auf den Hausgang, um zu sehen, was draußen vorgeht, da sah ich Leute aus der Kirche eilen, in der sich sogar der messelesende Priester vom Altar zurückgezogen hatte. In mehreren Häusern wurden Leute ohnmächtig.“

Fünf Tage später kam es zu einem weiteren Beben, über das die „Volks- und Schützenzeitung“ diesen Bericht aus Jenbach veröffentlicht, der auch noch einmal auf das einige Tage zurückliegende Ereignis eingeht: „Kaum hatten wir uns von dem panischen Schrecken, welchen uns das am 28. v. M. stattgehabte Erdbeben einjagte, erholt, als uns heute um 4 Uhr früh ein heftiger Erdstoß, dem sogleich ein gelinderer zweiter folgte, aus dem Schlafe rüttelte und in abermalige Angst versetzte. Doch ging es dießmal ohne Schaden ab. Allein das ersterwähnte, in der Richtung von Nordost nach Südwest, einige Sekunden dauernde und von furchtbarem Getöse begleitet(e), war so gewaltig,

Aus Uropas Zeitung
Aus Uropas Zeitung

daß mehrere Häuser bedeutende Beschädigungen erlitten, darunter namentlich das Amts- und Marktscheidereigebäude, sowie das Schulhaus. Spiegel, Uhren und leicht hängende Gegenstände fielen zu Boden, Balken krachten, die Leute mit blassen Gesichtern liefen ins Freie, weil sie den Einsturz der Häuser wähnten, und Zugpferde wurden scheu. Auch vom Gebirge rollten Steine. Indessen wurde Niemand verletzt. Alte Kreuzspinnen deuten diese tragischen Begebenheiten auf blutige Ereignisse im Süden.“

Mit den „blutigen Ereignissen im Süden“, die mancher durch die Erdstöße angekündigt sah, ist der kurz zuvor ausgebrochene Krieg gemeint, in dem Österreich-Ungarn gegen das mit Frankreich verbündete Königreich Piemont-Sardinien um die Vorherrschaft in Oberitalien kämpfte. Der Konflikt endete tatsächlich in einem ungeheuer blutigen Gemetzel, nämlich der Schlacht bei Solferino am 24. Juni 1859.

Faksimile-Artikel: Volks- und Schützenzeitung (3. Mai 1859)