Kurzmeldung: Der „gewöhnliche Raubmord“ ist 1920 21 Zeilen wert

Erstaunliches, Spannendes, Kurioses und Berührendes findet man in alten Zeitungen. Für Zauberfuchs blättert der Historiker Stefan Dietrich in den Gazetten längst vergangener Tage.

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Auch vor beinahe 100 Jahren waren Gewaltverbrechen ein beliebtes Thema für die Medien. Oft wurden Bluttaten sensationslüsternd abgehandelt, manchmal aber auch erstaunlich knapp und sachlich. Wie etwa der Raubmord an einem Gastwirt bei Niederndorf nahe der bayrischen Grenze, über den die in Innsbruck erscheinende „Volkszeitung“ am 7. Oktober 1920 berichtete.

„Ein Raubmord bei Kufstein. Am 4. ds. früh zwischen 7 und 8 Uhr, also am lichten Tage, wurde auf der Wildbichlerstraße der Gastwirt Johann Harlander ermordet aufgefunden. Er lag unter seinem Fuhrwerk, mit dem er um halb 7 Uhr früh von seinem Gasthof „Wildbichl“ abgefahren war. Die Leiche weist eine klaffende Wunde am Genick auf, eine Hand ist fast gänzlich abgehackt. Ein größerer Geldbetrag (zwischen 7000 und 15.000 K) fehlt. Wie der „Grenzbote“ meldet, hat sich der Mord auf folgende Weise zugetragen: Harlander hat an der stark abschüssigen Straße den Wagen gebremst und folgte diesem rückwärts. Der Täter versetzte seinem Opfer mit einer Hacke einen Schlag auf den Hinterkopf, und als Harlander mit der Hand nach der Wunde griff, folgte der zweite heftige Schlag, der auch die Hand traf, so daß sie nur mehr hängen blieb. Mit einem Fuße im Vorderrad hängend, wurde der Ermordete aufgefunden. Etwa 100 Meter weit zurück waren Blutspuren sichtbar. Der Täter soll ein Holzknecht namens A… aus Kitzbühel sein; er wurde in Sachrang verhaftet und ins Amtsgericht Prien eingeliefert.“

Der heute so oft zu hörende Satz „Es gilt die Unschuldsvermutung“ war den damaligen

Aus Uropas Zeitung

Medienvertretern nicht sehr geläufig, deshalb wird der der Name des Verdächtigen im Originalartikel ganz selbstverständlich voll genannt. Wir haben uns allerdings erlaubt, ihn in der Wiedergabe abzukürzen und im Faksimile unkenntlich zu machen.

Ebenso überrascht wie über die lockere Einstellung zum medialen Persönlichkeitsschutz darf man darüber sein, dass die Zeitung der Bluttat nur ganze 21 Zeilen widmet und dass die Meldung wichtige Fragen – etwa über die Ergreifung des Verdächtigen und die Indizien für seine Täterschaft – schuldig bleibt. Die Erklärung: Verbrechen wie dieses gab es in der sogenannten „guten alten Zeit“ deutlich häufiger als heute. Ein „gewöhnlicher Raubmord“, bei dem Leidenschaft, Eifersucht und Sex keine Rolle spielten, war dem Blatt eben nicht mehr wert.

Faksimile-Artikel: Innsbrucker Volkszeitung (7. Oktober 1920)