„Heldenvater“: Sterben für Gott,
Kaiser und Vaterland

Erstaunliches, Spannendes, Kurioses und Berührendes findet man in alten Zeitungen. Für Zauberfuchs blättert der Historiker Stefan Dietrich in den Gazetten längst vergangener Tage.

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Der Erste Weltkrieg war auch ein gewaltiger Propagandafeldzug. Und dieser unterschied sich, was den Fanatismus und den Missbrauch menschlicher Emotionen betrifft, kaum von dem, was die Nazis eine Generation später im Zweiten Weltkrieg praktizierten. Wo immer man Zeitungen aus den Kriegsjahren 1914-1918 aufschlägt, stößt man auf Meldungen, bei denen ein einfaches Kopfschütteln nicht mehr ausreicht, Meldungen die – ja! – abscheulich sind.

Ein besonders gruseliges Beispiel ist dieser kurze Artikel, den die „Innsbrucker Nachrichten“ am 10. März 1915 unter dem Titel „Kleine Kriegsbilder“ veröffentlichten: „Aus Oetz schreibt man uns einen kleinen erhebenden Nachtrag zu dem in der Samstag-Nummer veröffentlichten Brief des Kompagnie-Kommandanten über den Tod des Helden Hermann Rimml aus Sölden. Solche Männer haben aber auch Väter, die vielen ein gutes Beispiel sein sollen. Der Vater des Hermann Rimml legte seinen Söhnen (fünf an der Zahl, davon drei gefallen, zwei verwundet) beim Auszug im Sommer besonders an Herz, wacker zu kämpfen, damit wir siegen und uns nicht zu schämen brauchen. Beim Gang zum Seelengottesdienst für dessen Sohn Christian hier in Oetz sagte der Vater zu einem Begleiter, er könne seinen Söhnen keinen schöneren Tod wünschen, als für Gott, Kaiser und Vaterland zu sterben und sei ganz zufrieden, wenn auch nur einer zurückkomme, um den Hof zu übernehmen. Wirklich ein Heldenvater, ein würdiges

Aus Uropas Zeitung

Stück Alttirol. Wie erbärmlich nehmen sich gegen diesen Menschen jene Pessimisten aus, die seit Kriegsbeginn nicht aus dem Zittern und Zagen herauskommen.“

Fast bedauert man, dass man dem „patriotischen“ Zeitungsschreiber nicht mehr sagen kann, dass hier hauptsächlich eines erbärmlich ist: sein Artikel.

Und man darf darüber nachdenken, was man widerlicher findet – die (angeblichen) Aussagen des „Heldenvaters“ oder die Art, wie diese von der Zeitung in Szene gesetzt und kommentiert werden…

Faksimile-Artikel: Innsbrucker Nachrichten (10. März 1915)