Wilderergeschichten: Jäger und Wildschütz – „High Noon“ in Biberwier

Erstaunliches, Spannendes, Kurioses und Berührendes findet man in alten Zeitungen. Für Zauberfuchs blättert der Historiker Stefan Dietrich in den Gazetten längst vergangener Tage.

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Wilderer-Geschichten gehören zu den Klassikern in der Berichterstattung der Tiroler Zeitungen vergangener Tage. In den Lokalspalten kann man mitunter dramatische Meldungen finden, die nicht nur Stoff für Romane und Heimatfilme abgeben, sondern sogar an Western-Szenarien erinnern. Wie diesen Artikel aus den Innsbrucker Nachrichten vom 4. August 1915, den man mit „High Noon in Biberwier“ betiteln könnte:

„(Das Wilderer-Unwesen.) Man schreibt uns aus Ehrwald: Kaum daß, wie wir bereits berichtet, im Ehrwalder Jagdgebiet am Thörle Wilderer auf frischer Tat gefaßt werden konnten, glückte es einem unserer Jäger nun auch im angrenzenden Biberwierer Revier, gleichfalls von Dr. Ganghofer gepachtet, einen anderen Wildschützen festzunehmen. Hierbei kam es zu einer aufregenden Szene. Der überraschte Wilderer riß sein Gewehr hoch und brachte es gegen den Jäger in Anschlag. Dieser aber kam dem Wilderer zuvor und gab auf den Schützen einen Schrotschuß ab, der den Arm traf und so jeden weiteren Widerstand unmöglich machte. Die verständigte Gendarmerie führte den Verletzten, der sich wiederum als ein Ehrwalder entpuppte, zur Bezirkshauptmannschaft. – Aus dem angrenzenden Jagdrevier des Fürsten Reuß j. wird berichtet, daß die Wilderer dort die Jagd nahezu ruiniert haben. Auch die Ganghofersche Jagd hat bereits argen Schaden erlitten. Die Jäger, die in ständiger Lebensgefahr sind, haben aber jetzt einen so guten Wachdienst organisiert, daß man

Aus Uropas Zeitung

hoffen kann, den Restbestand an Wild durchzubringen.“

Bleibt noch nachzutragen, dass in den Jahren des Ersten Weltkrieges, in denen sich dieses Duell abspielte, in Tirol – und darüber hinaus – Hochkonjunktur für Wilderer herrschte. Einerseits stieg ihre Zahl durch die schlechte Versorgungslage mit Lebensmitteln sprunghaft. Andererseits war die „Gegenseite“ durch die Einberufung vieler Aufsichtsjäger, Jagdgehilfen und Förster zum Militär allerorts derart ausgedünnt, dass die Wildschützen leichtes Spiel hatten. Allerdings, wie der Artikel zeigt, nicht immer…

Faksimile-Artikel: Innsbrucker Nachrichten (4. August 1915)