Selbstmord mit Dynamit: Ein Fall
für die Sensationspresse

Erstaunliches, Spannendes, Kurioses und Berührendes findet man in alten Zeitungen. Für Zauberfuchs blättert der Historiker Stefan Dietrich in den Gazetten längst vergangener Tage.

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Zu Recht hört man immer wieder kritische Stimmen über die Sensationslust der heutigen Medien. Den Appetit der Leserschaft auf spektakuläre Ereignisse und tragische Schicksale zu bedienen ist aber natürlich nicht neu. In manchen Bereichen ist man heute sogar zurückhaltender als früher. So wird etwa hierzulande aus Rücksicht auf die Angehörigen nicht über Selbstmorde berichtet – außer, sie fanden vor einer großen Öffentlichkeit statt oder betreffen sehr prominente Personen.

Vor einigen Jahrzehnten war man hier weniger feinfühlig und der journalistische Stil ein anderer. Wie der hier herausgegriffene Fall aus dem „Allgemeinen Tiroler Anzeiger“ vom 5. Dezember 1929 zeigte, gab es keine Hemmungen, detailliert und mit voller Namensnennung über derart tragische Vorfälle zu berichten.

An diesem Tag veröffentlicht die Zeitung folgenden Artikel (wobei wir uns erlauben, bei der Wiedergabe den Namen des Betroffenen unkenntlich zu machen): „Grauenhafter Selbstmord. Wildermieming, 3. Dezember. Gestern gegen ¾ 5 Uhr abends hat sich hier ein junger Mensch, Franz …, angeblich aus Axams, der früher Branddrohbriefe geschrieben hatte, durch eine Dynamitpatrone das Leben genommen. Der Kopf wurde ihm vollständig vom Rumpfe getrennt und in kleine Stücke zerrissen, und die Kammer, in der er die unselige Tat verübte, wurde arg zugerichtet.“

Dieser Schilderung folgt ein heute seltsam anmutender moralisierender Exkurs, der mit dem Satz beginnt: „Ohne auf den eigentlichen Grund dieser unseligen Tat näher einzugehen, zeigt es sich wieder einmal, zu welch schrecklichem Ende heutzutage ein glaubens- und sittenloses, jegliche göttliche und menschliche Autorität leugnendes Leben so manche jungen Leute bringt.“

Aus Uropas Zeitung

Nicht weniger selbstgefällig der Schlusssatz der Betrachtung: „Der traurige Vorfall ist wieder ein „Merks“ für so manche, bereits auf schiefer Bahn befindliche junge Leute, auch auf dem Lande draußen!“

Vom Vorsatz, nichts über die Hintergründe der Tat zu berichten, kommt die Zeitung gleich wieder ab: Am folgenden Tag veröffentlicht der „Anzeiger“ einen weiteren Artikel über den Selbstmord. Man erfährt darin, dass der unglückliche junge Mann auf dem Bauernhof, in dem er die Tat verübte, als Knecht gearbeitet hatte. Dort habe er eine Liebesbeziehung zur Tochter des Hauses geknüpft. Als diese die Verbindung abbrach, habe er ihr mehrfach gedroht und schließlich den Selbstmord begangen, den er laut Bericht „mit einem Racheakt gegen seine ehemalige Geliebte und deren Mutter verbinden“ wollte.

Und wie selbstverständlich nennt das Blatt im Artikel nicht nur noch einmal den Name des Selbstmörders, sondern auch den der betroffenen Bauernfamilie – was heute aufgrund der geltenden Gesetze zum Persönlichkeitsschutz absolut nicht mehr denkbar wäre.

Faksimile-Artikel: Allgemeiner Tiroler Anzeiger (5. Dezember 1929)