Monsterjagd im Stubaital: der
dreiköpfige Lindwurm von Telfes

Erstaunliches, Spannendes, Kurioses und Berührendes findet man in alten Zeitungen. Für Zauberfuchs blättert der Historiker Stefan Dietrich in den Gazetten längst vergangener Tage.

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Drachen und Lindwürmer sind ja normalerweise etwas, was wir nur aus Sagen und Rittergeschichten aus grauer Vorzeit kennen. So darf man es wohl als ungewöhnlich bezeichnen, wenn sich ein solches Urzeitmonster am helllichten Tag durch die Tiroler Landschaft, konkret die Telfeser Wiesen, wälzt. Was sich dort im Sommer 1870 ereignet haben soll, berichten die „Innsbrucker Nachrichten“ – nicht ganz ohne Augenzwinkern – in ihrer Ausgabe vom 9. September dieses Jahres:

„(Ein Lindwurm) hat sich wieder gezeigt, und zwar bei einem Stadel in den Telfesermädern am Weg nach Kreith. Vorübergehende Bauern aus Stubai sahen vor einiger Zeit unter einem Stadel einen großen Wurm herausgucken, dessen Schwanz weit über die entgegengesetzte Seite des Stadels reichte, athemlos kamen sie in Telfes an und gleich zogen die Kühnsten in Landsturmbewaffnung dem Ungethüm zu Leib, ohne jedoch desselben ansichtig zu werden. Zwei Metzger, die diese Stelle passierten, erblickten, durch ihren Hund aufmerksam gemacht, das Ungethüm, das mit seinen drei Hundsköpfen höchst bedrohlich unter dem Stadel heraussah, und ergriffen mit ihrem vierbeinigen Gefährten eiligst die Flucht, obwohl Beide Solche gewesen sein sollen, die sonst nicht gleich ans Fliehen dachten. Von Telfes aus hat man seitdem mehrere Expeditionen gegen diesen Lindwurm oder Drachen unternommen, der scheint aber vor diesem Aufgebot ernstlichen Respekt zu haben, und hält sich weidlich verborgen. Bis jetzt ist

Aus Uropas Zeitung

es in Folge dieses Gerüchtes soweit gekommen, daß Manche sich scheuen, diesen Weg zu betreten.“

Um ihre Leser nicht ganz zu verunsichern, fügen die „Nachrichten“ – schließlich versteht man sich ja als aufgeklärt und modern – eine rationalisierende Erklärung an: „Das Wahre an der ganzen Sache wird sein, daß vielleicht eine große Natter oder möglicher Weise ein sogenannter Aesculap, eine in Südtirol häufig vorkommende und Armdicke erreichende unschädliche Natter das ängstliche Gemüth eines einsam Vorüberwandernden erschreckt haben dürfte, und so schließlich diese Ungeheuerlichkeit entstand.“

Kein Grund zur Sorge also! Wer weiß? Jedenfalls kann es nicht schaden, wenn Sie bei Ihrem nächsten Spaziergang oder der nächsten Radtour in den Telfeser Wiesen ab und zu einen Blick über die Schulter werfen…

Faksimile-Artikel: Innsbrucker Nachrichten (9. September 1870)