Brautsuche vor 100 Jahren – ohne Häuslichkeit und Vermögen geht’s nicht

Erstaunliches, Spannendes, Kurioses und Berührendes findet man in alten Zeitungen. Für Zauberfuchs blättert der Historiker Stefan Dietrich in den Gazetten längst vergangener Tage.

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Massenmedien für die Partnersuche zu verwenden ist heutzutage nicht weniger aktuell als vor 50 oder 100 Jahren. Allerdings dienen heute meist Online-Singelbörsen und überhaupt das Internet als Kuppler. Die Blütezeit der klassischen Heiratsanzeige dürfte vorbei sein.

Allerdings haben sich auch Stil und Zielsetzung der Kontaktanbahnung mit den Jahrzehnten etwas gewandelt, das zeigt ein Blick auf die Anzeigen-Seiten vergangener Epochen. Ein wahres Prachtexemplar von Heiratsanzeige – sie ist sogar mit „Heiratsantrag“ überschrieben – findet sich in den „Innsbrucker Nachrichten“ vom 27. Juli 1914.

Betrachtet man heute eher Zuneigung, Sympathie, ähnlich gelagerte Interessen und sonstige Übereinstimmungen, auch Fantasie und Humor, als wesentliche Basis einer Zweierbeziehung, so wurden damals – um es vornehm zu sagen – auch die wirtschaftlichen Aspekte einer Ehe nicht aus den Augen verloren. In Zeiten strikt reglementierter gesellschaftlicher Verhältnisse und klaren Rollenbilder tickten die Uhren eben auch bei der Partnerschaft anders.

In der Anzeige teilt der heiratslustige Junggeselle seiner unbekannten Zukünftigen Folgendes mit: „Gebildeter, welterfahrener Geschäftsmann, 37 J. alt, kath., große Ersch., die englische, deutsche und spanische Sprache beherrschend, strebsam und nüchtern und mit gutem, spekulativen Einkommen,

Aus Uropas Zeitung

sucht auf diesem Wege die Bekanntschaft einer Dame, um bei gegenseitiger Neigung einen Bund für das ganze Leben zu schließen. Vollkommene Gesundheit, gute Erziehung und Bildung, Ordnungsliebe und Häuslichkeit, sowie Vermögen sind wesentl. Erfordernisse. Strengste Diskr. zugesichert. Briefe m. Anschluß d. Photographie erb. unter „I. M. 207“ an d. Verw. D738-212“

Besonders die letztgenannten „Qualitäten“, die der liebevolle Ehemann in spe für unverzichtbar hält, sollte man sich auf der Zunge zergehen lassen: „…Ordnungsliebe und Häuslichkeit, sowie Vermögen…“. Man lehnt sich zurück und denkt mit Rührung: Wenn das kein Romantiker ist…

Faksimile-Artikel: Innsbrucker Nachrichten (27. Juli 1914)