Reisen anno 1860: Mit dem Stellwagen in acht Stunden von Innsbruck nach Imst

Erstaunliches, Spannendes, Kurioses und Berührendes findet man in alten Zeitungen. Für Zauberfuchs blättert der Historiker Stefan Dietrich in den Gazetten längst vergangener Tage.

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Seit den 1850er-Jahren wurde Tirol für den Eisenbahnverkehr erschlossen. Die Strecke Kufstein-Innsbruck ging 1858, Bozen-Innsbruck 1867 in Betrieb. Die Arlbergbahn ins Oberinntal entstand erst in den 1880er-Jahren.

Der Eisenbahnbau bedeutete auch bei uns eine echte Revolution für den Güter- und Personenverkehr. Wirtschaftlich hatte eine neue Epoche begonnen.

Aber wie war es vorher? Wie reiste man vor dem Zeitalter der Dampflokomotiven in Tirol? Einen kleinen Einblick gibt diese „Post-Stellwagenfahrt-Anzeige“ in den „Innsbrucker Nachrichten“ vom 15. Oktober 1860. Damals war noch die Postkutsche (genannt „Stellwagen“, weil man ihn unterwegs mit Handzeichen „stellen“, also anhalten konnte) einziges öffentliches Verkehrsmittel.

Aus der Anzeige erfahren wir, dass in der Wintersaison einmal täglich ein Stellwagen von Innsbruck nach Imst und zurück verkehrte. Das Erstaunliche ist aus heutiger Sicht vor allem die Reisegeschwindigkeit – oder sollte man besser sagen „Reiselangsamkeit“? Abfahrt beim „Goldenen Adler“ in Innsbruck war um 10 Uhr vormittags, geplante Ankunft in Imst um 6 Uhr abends. Die Kutsche benötigte also für die knapp 60 Kilometer lange Strecke acht Stunden, Pferdewechsel in Zirl, Telfs und Silz eingeschlossen.

Die Anzeige informiert auch, dass die weiterführende Postkutschen-Linie nach Bregenz mit 18. Oktober eingestellt wird. Verständlich: Einen

Ur-Opas Zeitung Episode 010

Tunnel durch den Arlberg gab es noch nicht und Fahrt über den winterlichen Pass war ein kaum kalkulierbares Risiko.

Interessant ist auch der Blick auf die Fahrpreise. Die Fahrt Innsbruck-Imst hin und zurück kostete 2 Gulden und 80 Kreuzer. Aus Zeitungen lässt sich entnehmen, dass im Jahr 1860 ein Amtsdiener 210 Gulden jährlich (!) verdiente, ein Dorflehrer, der gleichzeitig als Mesner und Organist tätig sein musste, gar nur 120 Gulden (bei freier Wohnung). Das heißt, dass Ersterer 16 Prozent seines Monatseinkommens hätte aufwenden müssen, um mit der Postkutsche von Innsbruck nach Imst und zurück zu fahren, der Lehrer sogar 28 Prozent!

So überrascht es nicht, dass damals die Normalbevölkerung auch für lange Strecken hauptsächlich ein Verkehrsmittel verwendete: die eigenen Beine.

Faksimile-Artikel: Innsbrucker Nachrichten (15. Oktober 1860)