Kriegshysterie am Land: Nassereith will „Gut und Blut für den Kaiser“ geben

Erstaunliches, Spannendes, Kurioses und Berührendes findet man in alten Zeitungen. Für Zauberfuchs blättert der Historiker Stefan Dietrich in den Gazetten längst vergangener Tage.

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Ende Juli 1914 herrschte nicht nur in Innsbruck – wie in der vorigen Folge von „Uropas Zeitung“ (hier zu finden) nachzulesen war – hysterische Kriegsbegeisterung. In den Regionalblättern finden sich vielfach auch Berichte über „patriotische Kundgebungen“ in Tiroler Landgemeinden.

Aufschlussreich erscheint etwa, was sich etwa in Nassereith im Oberland unmittelbar vor der Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien abspielte. Hier wurde auch der namhafte Dramatiker Franz Kranewitter (1860-1938) von der Kriegsbegeisterung mitgerissen und betätigt sich als Stimmungsmacher für die kommende Weltkatastrophe.

In den „Innsbrucker Nachrichten“ vom 28. Juli 1914 ist dazu zu lesen: „Nach dem Bekanntwerden der Ablehnung des Ultimatums Oesterreichs durch Serbien fand in Nassereith eine große patriotische Kundgebung statt, an der die Geistlichkeit, Veteranen, die Musikkapelle, die Feuerwehr, die Scharfschützen, sowie die Gemeindevertretung, die K. k. Gendarmerie und eine ungezählte Volksmenge teilnahmen. Der Zug bewegte sich durch das spontan beflaggte Dorf bis zur Mariensäule, wo Schriftsteller Franz Kranewitter eine begeisterte Ansprache hielt, die in ein Hoch auf Oesterreich und den greisen Kaiser Franz Joseph mit einem Gelöbnis auf ewige Treue, wie es auch kommen mag, ausklang.“

Bemerkenswerterweise donnert im Oberländer Dorf aber nicht nur ein Hoch auf den eigenen Kaiser, sondern auch auf den deutschen Monarchen. Und auch die Anfeuerung durch den Pfarrer darf nicht fehlen: „Nach der Intonierung der Volkshymne durch die Musik und einem Hoch auf Kaiser

Ur-Opas Zeitung Episode 009

Wilhelm, dem treuen Verbündetet unseres Kaisers, das Schriftsteller Kranewitter ausbrachte, ergriff Pfarrer Weber das Wort, um in markigen Silben ebenfalls zum Festhalten an Oesterreich aufzufordern. Nach Schluss der Feier, zu deren gelingen insbesondere Fabrikant Mayer und Dr. Bilgeri sowie Gemeindevorsteher Falbesoner beigetragen (hatten), wurde vom Publikum das Andreas-Hofer-Lied sowie die Wacht am Rhein unter großer Begeisterung gesungen. Gut und Blut für unseren Kaiser! Ist die allgemeine Devise.“

Ein Tipp: Auf der von der Österreichischen Nationalbibliothek betriebenen Homepage finden Sie hunderte historische Zeitungen, darunter auch viele Tiroler Blätter, die Tag für Tag und Blatt für Blatt digitalisiert wurden (hier zu finden). Hunderttausende Seiten zum Schmökern in den aktuellen Ereignissen längst vergangener Tage.

Faksimile-Artikel: Innsbrucker Nachrichten (28. Juli 1914)